Auf Leben und Tod

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Ein neues Gesetz fordert zu einem klaren Ja oder Nein zur Organspende. Doch wofür oder wogegen entscheidet man sich? Am Hirntod-Konzept scheiden sich die Geister.
 

Demnächst erhält jeder Post von seiner Krankenkasse – mit Informationen zur Organspende und mit einem Spenderausweis, in dem ein »Ja« oder »Nein« einzutragen ist. Die Organspendebereitschaft soll auch auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden. Alle zwei Jahre soll dann die­se persönliche Information und Nachfrage wiederholt werden. So will es das am 1. November in Kraft getretene Gesetz zur Regelung der Entscheidungslösung im Transplantationsgesetz.

Es soll die Spendenbereitschaft erhöhen. Denn diese ist im letzten Jahr deutlich gesunken: 1200 Menschen ließen sich nach ihrem sogenannten Hirntod die Organe entnehmen. Das waren rund sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Demgegenüber steht die Zahl von 12000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten. »Die Einführung der Entscheidungslösung ist durchaus geeignet, in der Bevölkerung die Diskussion um die Bereitschaft zu einer Organspende wieder in Gang zu bringen«, meint der Göttinger Medizinjurist Hans-Ludwig Schreiber.

Der jüngste Organspendeskandal um die bevorzugte Vergabe von Spenderorganen dürfte allerdings das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert haben. Wegen des Skandals haben die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) ihre Pläne gestoppt, die rund 24 Millionen Versicherten nun anzuschreiben und eine Entscheidung zur Organspende zu erbitten.

Doch das Problem liegt nach Meinung zahlreicher Mediziner und Theologen nicht nur im Missbrauch von Spenderorganen, sondern in der Organspende selbst. Sie halten es für nicht gerechtfertigt, das Hirnversagen des Patienten als Todeszeitpunkt und Voraussetzung für die Organentnahme anzuerkennen.

»Die Gleichsetzung des Hirntodes mit dem Tod des Menschen, das Hirntodkonzept, ist eine reine Setzung«, meint der Medizinjurist Frank Schadt und ergänzt: »Der Mensch wird damit bei lebendigem Leibe zur Leiche erklärt.« Die Vorverlegung des Todeszeitpunktes ist für Schadt nichts weniger als das Antasten der Würde des Menschen. Ein Hirntoter sei kein Toter, sondern ein Sterbender und habe nach wie vor das Recht, vor Übergriffen auf seinen Körper geschützt zu werden.

Im Hintergrund steht die Frage des Menschenbildes. Für die Unterstützer von Organtransplantationen wie den Präsidenten der Bundesärztekammer Frank-Ulrich Montgommery ist der Mensch ein Hirnwesen. »Die Hirnlei­stung macht uns zu Menschen. Hirntoten ist eine Rückkehr ins Leben nicht mehr möglich«, meint er.

Der Ausfall des Gehirns als Ende des Lebens? Dieser Aufteilung des Menschen in Körper und Geist widerspricht der Theologe Klaus-Peter Jörns: »Der Mensch ist die Ganzheit aus Leib und Seele samt allen Gliedern und Organen. Diese Einheit kann zwar verletzt werden, ist aber auch verletzt noch Einheit.« Demzufolge darf ein Patient mit dem Hirntod-Syndrom nicht für tot erklärt werden. Denn 97 Prozent seiner Organfunktionen sind noch intakt.

Zahlreiche Ärzte, Juristen und Theologen machen sich deshalb stark für die Anerkennung Hirntoter als Sterbende und fordern ein Recht auf beschütztes Sterben.

Die großen Kirchen indes teilen offiziell diese Bedenken nicht. In ihrer gemeinsamen Stellungnahme zur Organspende aus dem Jahr 1990 heißt es unter dem Titel »Gott ist ein Freund des Lebens«, dass der Hirntod ebenso wie der Herztod den Tod des Menschen bedeute. Und weiter: »Die christlichen Kirchen sehen in der Organ- und Gewebespende eine Möglichkeit, über den Tod hinaus Nächstenliebe zu praktizieren.«

Die Entscheidung zur Organspende ist und bleibt jedem Einzelnen anheimgestellt. Er sieht sich auch mit dem neuen Gesetz einem Widerstreit der Meinungen zur Organspende gegenüber gestellt.

Stefan Seidel

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