Kirchenkampf mit Revolver

Der sächsische Landesbischof Friedrich Coch (3.v.l.) tritt am 11. August 1933 aus dem Portal der Dresdner Frauenkirche. Dort hatte ihn die »braune Synode« in dieses Amt gewählt. Coch setzte in der sächsischen Landeskirche bis 1935 die weitgehende Anpassung an die Ziele des NS-Staates durch. (Foto: Aus »Braune Karrieren«)

Der sächsische Landesbischof Friedrich Coch (3.v.l.) tritt am 11. August 1933 aus dem Portal der Dresdner Frauenkirche. Dort hatte ihn die »braune Synode« in dieses Amt gewählt. Coch setzte in der sächsischen Landeskirche bis 1935 die weitgehende Anpassung an die Ziele des NS-Staates durch. (Foto: Aus »Braune Karrieren«)

 
Das Buch »Braune Karrieren« schildert auch Wege sächsischer Theologen in der NS-Zeit.
 

Im Sommer und Herbst 1933 schlägt in der sächsischen Landeskirche die Stunde der Nazianhänger. Sachsens Innenminister überträgt Friedrich Coch (1887–1945) per Verordnung quasi diktatorische Vollmachten. Ins Amt des Landesbischof führt dieser sich wenig später gleich selbst ein. Als seinen persönlichen Adjutanten holt er Johannes Klotsche (1895–1965) ins Landeskirchenamt. Ein paar Wochen darauf Walter Grundmann (1906–1976).

Diese Wege dreier fanatischer, machtbesessener Theologen zeichnet der Dresdner Kirchenhistoriker Gerhard Lindemann als einer der Autoren in dem Buch »Braune Karrieren« nach, einem Band mit Beiträgen über maßgebliche Nazis in Verwaltung, Partei, NS-Organisationen, Justiz, Wirtschaft, Wissenschaft, Schule, Kultur und Architektur.

An den Karrieren der Theologen wird ein Stück Kirchenkampf in der sächsischen Landeskirche deutlich. Lindemann schildert knapp, sachlich, bisweilen staubtrocken. Ohne Wertungen. Er lässt Dokumente und Fakten sprechen. Sie zeigen, wie vehement diese drei die Nazifizierung der Landeskirche betrieben. Wie sie sich darin in lutherischer Tradition wähnten. Friedrich Coch erklärte: »So vollendet Hitler das Werk, das Luther begonnen hat.« Ganz ähnlich Walter Grundmann: »Was Luther gemeint hat, ist durch Adolf Hitler verwirk­licht worden.«

Aber in ihren Geschichten wird auch der Widerstand gegen die Nazis in der Kirche deutlich. Der Pfarrernotbund und nach dessen Verbot die sächsische Bekenntnisgemeinschaft widersetzen sich. Ende 1934 spricht sich eine Mehrheit der Pfarrer für Cochs Absetzung aus. Johannes Klotsche gelangt nur per Weisung des Reichskirchenministeriums ins Landeskirchenamt. Als 1937 Mitglieder des Landeskirchenausschusses, der sich der Nazifizierung verweigert, dort hinein wollen, stellt er sich ihnen mit gezogener Pistole in den Weg. Er bekommt den Spitznamen »Revolver-Klotsche«. Kirchliche Ämter bleiben ihm nach dem Krieg verschlossen.

Ganz anders Walter Grundmann. Bis 1950 taucht er als Hilfsgeistlicher ab. Dann nimmt er einen erneuten Aufstieg in der Thüringischen Landeskirche. 1954 wird er Rektor des Katechetenseminars in Eisenach, einer Ausbildungsstelle für Religionspädagogen, erhält Lehraufträge in Naumburg und am Theologischen Seminar Leipzig. Die Evangelische Verlagsanstalt Berlin beschäftigt ihn als Berater und Buchautor. Sein »Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament« erschien 1989 in zehnter Auflage.

Und das, obwohl Grundmann, NSDAP-Mitglied seit 1930, in Schriften ein »rassegemäßes Christentum« gefordert hatte und sich als Leiter des »Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben« (Eisenach) exponierte. Ein Schuldeingeständnis habe er nie geliefert, schreibt Lindemann. Statt dessen wurde sein Verhalten während der NS-Zeit umgedeutet: in Bemühungen, dem Christentum die Weiterexistenz zu sichern.

Tomas Gärtner

Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hg.): Braune Karrieren.
Sandstein Verlag Dresden. 320 S., 19,80 Euro.

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