Merkels Mahnung

merkelSie zündet nur selten ein Feuerwerk, wirkt nüchtern, zurückhaltend, bar jeden Budenzaubers – wer ist das? Die evangelische Kirche? Oder doch Angela Merkel? Die beiden ähneln sich auffallend. Umso auffallender, wenn dann ein ernstes Wort zwischen ihnen fällt.

In ihrer wöchentlichen Videobotschaft sprach die Kanzlerin am vergangenen Wochenende über ihren Glauben an Gott und das Befreiende des Evangeliums – etwa so sachlich, wie sie das Ende der Praxisgebühr verkünden würde.

Aber ehrlich, glaubwürdig.

»Zunehmend müssen die Vertreter der Kirchen auch bereit sein, immer wieder über die Grundfragen des Glaubens zu sprechen«, analysierte die Naturwissenschaftlerin Merkel. »Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass alle in der Gesellschaft alles, was wir an kirchlichen Feiertagen und an kirchlichen Bräuchen haben, auch wissen. Da sollte Kirche nicht hochmütig sein.«

Für jemand vom Temperament der Kanzlerin sind das starke Worte.

Merkel weiß, wovon sie spricht. Als Tochter aus ostdeutschem Pfarrhaus ahnt sie sicher, wo die Stärken eines Christenlebens zur Anfechtung werden können: Wenn aus dem Bekenner ein geistlich Besserverdienender wird, der gnädig dazu einlädt, doch so zu werden wie er – und etwas abschätzig in die geistige Mondlandschaft der Gottlosen herabblickt.

Einladend ist das jedenfalls nicht.

Die Kanzlerin kennt ja ihre Ostdeutschen, die oft schon lange vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Ihnen muss die Kirche den Glauben ganz neu erklären. Und vermutlich weiß Merkel, dass viele ehemalige DDR-Bürger ihr und den Protestanten gar nicht so unähnlich sind: Nüchtern, prüfend, abwägend. Skeptisch gegenüber allem Budenzauber.

Nur eine demütige Kirche könnte sie erreichen.

Andreas Roth

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