Befreiende Beichte

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Der bevorstehende Buß- und Bettag erinnert an ein fast vergessenes Ritual: Die Beichte. Auch Protestanten entdecken sie wieder. Der Mensch braucht sie, weil er nicht allein mit Schuld fertig wird.
 

Nach Jahrzehnten der Verdrängung der Schuld aus dem öffentlichen Bewusstsein, hat sich in den letzten Jahren die gesellschaftliche Gemütslage tiefgreifend verändert: Es ist modern geworden, in der Öffentlichkeit Schuld zu bekennen. Das gilt für die Medien und die Unterhaltungsindustrie ebenso wie für die Politik. Talkshows werden immer wieder als säkulares Beicht- und Bußinstitut bezeichnet.

Viele Zeitgenossen spüren, dass die Welt und ihr persönliches Leben nicht so sind, wie sie sein sollten.

Gleichzeitig ist folgende Beobachtung für unsere Gesellschaft charakteri­stisch: Mehr und mehr ist das Angebot Gottes, um Jesu Christi willen Menschen die Sünden zu vergeben, in Vergessenheit geraten – oder für unzeitgemäß erklärt worden.

Die Erkenntnis persönlichen und gesellschaftlichen Fehlverhaltens bei gleichzeitiger Zurückdrängung des vergebungsbereiten Gottes hat nach Überzeugung des Philosophen Odo Marquard den heutigen Menschen in eine prekäre Lage gebracht: Er muss mit seiner Schuld und Schuldverflochtenheit allein fertig werden.

Als Konsequenz findet er sich in einer »Übertribunalisierung« seiner Lebenswirklichkeit vor. Psychotherapien können zwar erklären, welche Prägungen dazu führen, dass jemand immer wieder an der gleichen Stelle schuldig wird und auf welche Weise übertriebene Schuldgefühle entstehen. Die damit verbundene emotionale Entlastung soll nicht bestritten werden. Die Vergebung wirklicher Schuld übersteigt jedoch die Möglichkeiten psychotherapeutischen Handelns.

Angesichts dieser Situation sehe ich in Zukunft eine gute Chance, die biblisch-reformatorische Rede von Schuld und Vergebung wiederzugewinnen. Allerdings nur dann, wenn Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis als Zeichen der Würde des Menschen erkannt werden!

Sündersein darf nicht als Ausdruck einer zerknirschenden, entmündigenden und kleinmachenden Erfahrung missverstanden werden, sondern muss als heilsam rettende Erfahrung begriffen werden. Das Stehen zu seinem Sündersein ermöglicht Menschen, heilsam bei sich selbst einzukehren.

Ein weiteres kommt hinzu: Schuldigwerden gehört zum Menschsein – auch zum Leben als Christ – wesentlich dazu. Ich nehme mein Menschsein dadurch ernst, dass ich meine Schuld eingestehe.

Eine Leugnung, Bagatellisierung oder Verdrängung meiner Schuld würde demgegenüber eine Missachtung meines Menschseins bedeuten. Dass die christliche Rede von Sünde und Schuld dem Menschen seine Verantwortlichkeit zurückgibt und zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt, wird nicht von heute auf morgen im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Hier sind auf Seiten von Theologie und Kirche Fantasie und Beharrlichkeit erforderlich.

Lange Zeit missbrauchte die Kirche die Rede von Sünde und Schuld dazu, Menschen in Angst und Abhängigkeit zu halten. Darum ist die Abwehr gerade gegenüber dieser Dimension kirchlicher Verkündigung nur zu verständlich.

Es ist höchste Zeit, unterschiedliche alte und neue Formen des Umgangs mit Schuld und Vergebung anzubieten, damit Menschen die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnaden wieder praktisch erfahren können.

Die Thomasmesse hat viel versprechende Formen der Einzelbeichte während des Gottesdienstes entwickelt. Meditative Beichtformen bieten besonders für Jugendliche und junge Erwachsene die Chance, Beichte im Vollzug kennen zu lernen.

Peter Zimmerling

Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie in Leipzig.

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