Was ist gerecht, Jesus?

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Christliche Gerechtigkeit ist keine Gefühlsduselei, sie ist eine harte Pflicht – gerade in Zeiten, in denen das Kapital die Menschen beherrscht. Das können wir von Jesus lernen.
 

Gerechtigkeit setzt die uneingeschränkte Achtung der Menschenwürde voraus. Falsche Menschenbilder sind die Ursache auch für die Unrechtssysteme unserer Zeit, schlimmsten Verbrechen und für die größten politischen Fehlleistungen. Offenkundig ist die Frage nach dem Menschenbild von entscheidender politischer Bedeutung.

Die Antwort finden wir im Evangelium.

Der Mensch, wie er geht und steht, ist der »eigentliche Mensch«, in seiner Würde unantastbar, unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Geschlecht.
Neben der Diskriminierung der Frauen hat der Rassismus die tiefsten Spuren in der Menschheitsgeschichte hinterlassen. Doch es sind neue Verletzungen der Menschenwürde aufgekommen. Es ist eine neue Kategorie entstanden: arm, krank und alt. Der Mensch wird zum Kostenfaktor. Er gilt um so mehr, je weniger er kostet und um so weniger, je mehr er kostet.

Jesus hat sich in den zweieinhalb Jahren seiner öffentlichen Tätigkeit massiv für die Interessen der Menschen eingesetzt, vor allem der Armen. Er hat ununterbrochen mit der religiösen und staatlichen Obrigkeit Streit angefangen, wenn es um die Interessen dieser Menschen ging. Er hat die elitären Machtpositionen, durch die die Menschen ausgebeutet wurden, in Frage gestellt. Seine Kritik konzentrierte sich auf ein starres Gesetzes- und Regelwerk und dessen Vertreter, die, wie er sagte, den Menschen Lasten aufbürdeten, die sie nicht tragen konnten.

Die globale ökonomische und soziale Entwicklung steht im diametralen Gegensatz zur Botschaft des Evangeliums. Die Ökonomisierung der Gesellschaft beruht auf dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, in dem die menschlichen Werte auf den Kopf gestellt werden. Das Kapital ist im Lichte des Evangeliums keineswegs per se schlecht, aber es hat den Menschen zu dienen und nicht die Menschen zu beherrschen.

Heute ist es umgekehrt. Das Kapital beherrscht die Menschen, und die Menschen sind seinen Interessen ausgeliefert.

Die Botschaft der Nächstenliebe ist die Grundlage der Zivilisation. Doch sie wird mißverstanden und lächerlich gemacht. Vor 2000 Jahren schon stellte ein Pharisäer dem, wie die FDP sagen würde, Gutmenschen Jesus die Frage: Sag mal, Rabbi, wer ist denn der Nächste?

Jesus gab bekanntlich keine direkte Antwort, sondern erzählte eine Geschichte aus einem für Mord und Totschlag berüchtigten Flusstal, das sich herabzieht von Jerusalem nach Jericho: Ein Jude wird dort überfallen, blutig geschlagen, ausgeraubt und bleibt am Weg liegen. Der Priester, der vorbeikommt, geht weiter, genauso der Levit. Aber dann kommt der Mann aus Samaria. In den Augen der Juden ein Ungläubiger, und dieser Abweichler versorgt den Verletzten, bringt ihn ins nächste Hotel und gibt dem Wirt sogar Geld, damit der sich weiter um ihn kümmert.

Nachdem er das erzählt hatte, stellte Jesus die Gegenfrage. Wir denken ja, der Verletzte sei der Nächste, aber Jesus fragte den Pharisäer etwas ganz anderes – nämlich, wer von den dreien der Nächste für den Überfallenen gewesen sei: der Priester, der Levit oder der Samariter. Darauf blieb dem Pharisäer nichts übrig, als zu antworten: Der Mann aus Samaria.

Was bedeutet diese Geschichte?

Ich, wir alle sind die Nächsten für diejenigen, die in Not sind. Christliche Gerechtigkeit und Nächstenliebe bedeuten keine Gefühlsduselei, sind keine platonischen Angelegenheiten, nichts, das mit seelischem Wohlbefinden zu tun hat, eben kein Gutmenschentum. Gerecht zu sein ist eine Pflicht.

Heiner Geißler

Der Autor Dr. Heiner Geißler war Novize des Jesuiten-Ordens, Richter, Bundesminister und Generalsekretär der CDU.

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