Die Leere nach dem Leben

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Kurz und schmerzlos – so wollen immer mehr Menschen eine Bestattung. Und billig. Dabei wird so der Schmerz noch größer. Ein Erfahrungsbericht.
 

Dann geht der Friedhofsarbeiter. Er schließt die Tür. Zurück bleiben die Hinterbliebenen. Allein mit sich, mit der Kälte, mit der grünen Urne in diesem kahlen Friedhofsraum. Keiner sagt etwas, kein Wort.

Nichts vom Geschmack ihrer käsecremigen Tomatensoße, die wir als Kinder in Makkaronigläsern nach Hause trugen, wenn sie wieder so üppig gekocht hatte. Nichts von der Wärme des Kaffees, den sie in blütenartigen Porzellantassen servierte. Nichts vom tiefen Stundenschlag ihrer Wohnzimmeruhr oder vom muffigen Geruch ihrer geliebten Gartenlaube. Sie war meine Tante.

Die Leere des Friedhofsraums umklammert das Herz. Minutenlang, eine Ewigkeit. Wahrscheinlich hat sie es selbst so gewollt so wie viele heutzutage. Preiswert, kurz. Ihre eigene Familie wollte es nicht anders. Nur die Urne steht vorn auf einem edlen Sandsteinquader. Man sieht hin – und sieht nichts. Nicht den Menschen, keinen Trost.

Das einzig Warme fällt hinter den Rücken durch die Fenster. Goldnes Licht. Herbstlicht.

Irgendwann in der Wüste des Schweigens schaltet der Friedhofsarbeiter – irgendwo hinter der Wand – einen CD-Spieler an. Gefühl aus der Konserve für die Tränen der Trauernden. Wenigstens das. Dann wieder Stille.

Kein Wort von Micky Maus, die sie für uns Kinder genäht hatte – so groß wie wir damals. Kein Wort von der Hutfabrik, in der sie ein Berufsleben lang gearbeitet hatte. Auch nicht von den guten und den schlechten Tagen ihres Lebens. Am Ende waren es eher schlechte Tage.

Einsam hat sie in den letzten Jahren am Fenster gesessen. Was daran die Summe ihrer eigenen Lebensentscheidungen war und was tragisch – wer will das beurteilen. Sicher war es beides. Nur kroch die Verbitterung immer mehr in ihr hoch. Wie oft hatte sie eine Schokoladenkekstorte im Kühlschrank, und keiner kam, um sie zu essen.

»Kalter Hund« nannte sie den Kuchen. Kühl werden auch ihre Gedanken an das Sterben gewesen sein. Getauft in der Ära der Nazis, weil die braunen Behörden es so wollten, blieb ihr der Glaube an einen Gott fern. Was sie genau kannte, war ihr bescheidenes Gehalt und ihre schmale Rente. Das Geld gab den Rahmen vor auch für ihren letzten Weg.

Wenigstens der Friedhofsarbeiter strahlt Würde aus. Ein einfacher Mann mit rotem Gesicht und halblangen grauen Haaren ist da, wo Redner und Pfarrer fehlen. Fordert die kleine Trauergemeinde auf, sich zu erheben und sich wieder zu setzen. Er verbeugt sich vor der Urne, dann trägt er sie hinaus in den kalten Herbstmorgen. Die Hinterbliebenen folgen ihm durch das laubbedeckte Labyrinth der Grabreihen bis an ein frisch ausgehobenes Loch.

Die letzten beiden Jahre hatte sich der Nebel des Vergessens über sie gesenkt. Wenn man sie besuchte, freute sie sich oft – und oft schickte einen oft schnell wieder fort. Die Freude war ihr ein zu seltener Gast geblieben. Bis zu ihrem Tod.

Noch ist ihr Grabstein leer. Erst wenn zehn Urnen neben ihr in diesem Gemeinschaftsgrab versenkt sind, werden die Namen verewigt. Auch der Himmel über der tiefen Wolkendecke scheint leer zu sein, als die wenigen Trauernden bunte Blüten auf die Urne hinab ins Grab werfen. Kein Trost. Nur bei einigen der stumme Wunsch, dass es einen Gott gäbe, der die Bruchstücke eines Lebens zusammenfügt.

Es sind die Kinder, die beides als erstes spüren: Den Schmerz der Endgültigkeit – und die Freude über das, was dieser Mensch war. Ganz einmalig. Die ständig eingeflochtene Redewendung der Tante »Was de`Fakt ist«, die ihr Markenzeichen wurde, bringt sie zum Lachen. Sogar auf dem Friedhof. Nur ist, was Fakt ist, jetzt Hoffnung.

Andreas Roth

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