Unheil im Heiligen Land

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Der Gewaltausbruch im Nahen Osten zeigt: Die Fronten zwischen Israelis und Palästinensern sind verhärtet. Auch die Christen in Deutschland sind nicht einig in dieser Frage.
 

Es ist ein Rückschlag für alle, die auf Frieden und Versöhnung im Heiligen Land hofften: Die Eskalation des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern in der vergangenen Woche. Nachdem Israel mit einem gezielten Bombenangriff den Militärchef der Hamas getötet hatte, schlugen Raketen der Hamas aus Gaza erstmals im Landesinneren Israels ein. Israels Antwort: Eine tagelange Luftwaffenoffensive auf Gaza. Die radikal-palästinensische Antwort: Ein Bombenanschlag auf einen Bus in Tel Aviv.

Die nahöstliche Gewaltspriale hat sich erneut mit unerbittlicher Brutalität gedreht und Tote und Verletzte auf beiden Seiten gefordert.

Genauso verhärtet wie die Fronten zwischen Israelis und Palästinensern scheinen die Fronten in der Israelfrage unter deutschen Christen. Während die einen – etwa die »Christlichen Freunde Israels« – unbedingte Solidarität mit dem Staat und der Regierung Israels fordern, erinnern andere – etwa die Friedensorganisation »pax christi« – an das Leid der Palästinenser und deren Rechte.

Eine soeben erschienene Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Titel »Gelobtes Land?« versucht, »die oft hoch emotional und polarisierend geführte Diskussion um Land und Staat Israel zu versachlichen«. Ihr Fazit: »Die Gründung des Staates Israel kann als ein ›Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk‹ gedeutet werden.« Jedoch sollten sich Christen nicht als bedingungslose Unterstützer des Staates Israel verstehen. Gegebenenfalls seien sie zu einer kritischen Begleitung seiner Politik verpflichtet.

Doch ein neues Aufeinanderzugehen der verschiedenen christlichen Lager ist nicht in Sicht. Vielmehr gibt es Kritik an der Orientierungshilfe von beiden Seiten. Viel zu schwach sei die Formulierung, die Staatsgründung könne als »Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk« verstanden werden, kritisiert der Erfurter Pfarrer Ricklef Münnich von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. »Also kann man die Staatsgründung Israels christlich weiterhin auch anders verstehen?« Das sei ein Zurückfallen hinter die Ergebnisse des christlich-jüdischen Dialogs der letzten Jahrzehnte.

Zu wenig käme wiederum die Situation und Sichtweise der Palästinenser in der Orientierungshilfe zum Tragen, kritisiert Pfarrer Uwe Gräbe, Nahost-Verbindungsreferent der Evangelischen Mission in Solidarität (EMS): »Natürlich muss man sich auch fragen, was mit denen ist, die in dieser Staatsgründung überhaupt nicht ein solches Zeichen der Treue Gottes sehen können, weil sie nämlich in der Folge ihr Land verloren haben.«

Die Orientierungshilfe zeigt einmal mehr die Schwierigkeiten auf, politische Sachverhalte religiös zu deuten. Am Ende steht ein Satz, der einen Kompromiss andeutet: »Israelfeindlichen Haltungen ist zu widersprechen, einer Überhöhung des Staates ist entgegenzutreten.«

Noch scheinen unter Christen auch in der Beurteilung des aktuellen Konfliktes einseitige Haltungen vorzuherrschen. Während Ricklef Münnich die Luftwaffenoffensive der israelischen Armee als »unausweichlich« und »angemessen« bezeichnet, kritisiert die Vizepräsidentin von Pax Christi, Wiltrud Rösch-Metzler, das israelische Vorgehen als »Wahlkampftaktik«, mit der die Regierung ablenken wolle von Gerechtigkeitsfragen in Israel.

Wie sich Israel und die Palästinenser gegenseitig Friedensunwilligkeit vorwerfen, herrscht auch unter deutschen Christen ein Gegeneinander in der Israelfrage.

Der EKD bleibt nur, alle ihre Glieder darum zu bitten, die Fürbitte für das Heilige Land zu pflegen und darauf zu hoffen, »dass Gerechtigkeit und Frieden einander küssen werden«.

Stefan Seidel

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