Ein Lutheraner in Rom


Der Leipziger Theologie­professor Ulrich Kühn war ein Brückenbauer zwischen evangelischer und katholischer Kirche – am 29. November ist er verstorben.

Als Theologieprofessor in Berlin, Leipzig und Wien prägte Ulrich Kühn Generationen von Pfarrern. In seinem Ruhestand unterrichtete er auch an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. (Foto: Archiv/Jan Adler)

Als Theologieprofessor in Berlin, Leipzig und Wien prägte Ulrich Kühn Generationen von Pfarrern. In seinem Ruhestand unterrichtete er auch an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. (Foto: Archiv/Jan Adler)

Wissenschaft ist von ihrem Wesen her darauf aus, Dinge zu analysieren, die Unterschiede herauszuarbeiten, das Trennende. Der Theologe Ulrich Kühn (80) war ein Wissenschaftler, der das Gemeinsame suchte: das Gemeinsame zwischen den Konfessionen. Er war ein Lutheraner, der an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrte, ein Protestant, der sehnlich den Tag eines gemeinsamen Abendmahls von katholischen und evangelischen Christen herbeiwünschte. Am 29. November ist er nach schwerer Krankheit gestorben.

Ulrich Kühn war ein Sohn aus Lutherland. 1932 in Halle geboren, sang er ab 1945 vier Jahre im Leipziger Thomanerchor. Die Liebe zur Musik blieb ihm bis ins Alter.

In seinem Theologiestudium an der Leipziger Universität erhielt er seine entscheidende Prägung durch Professor Ernst Sommerlath. »Als Lutheraner hat er deutlich gemacht, dass uns bei allen Unterschieden auch sehr viel mit den Katholiken verbindet«, erinnerte sich Kühn später. Es war eine Weichenstellung.

Kühn blieb an der Universität und forschte zur katholischen Theologie und zu Thomas von Aquin. 1965 wurde er wissenschaftlicher Leiter der neugegründeten Konfessionskundlichen Forschungsstelle des Evangelischen Bundes in der DDR.

Ab 1967 arbeitete er als Dozent für Systematische Theologie am Sprachenkonvikt der Evangelischen Kirche in Berlin, im Theologischen Seminar Leipzig und ab 1992 als Professor an der Universität der Messestadt. Er prägte Generationen von Pfarrern.

Dass der vierfache Vater von 1983 an vier Jahre lang als Professor in Wien lehren durfte, war für ihn ein Privileg. So wie auch seine Reisen zu den Tagungen der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Dort weitete Ulrich Kühn auch für seine Kirche den Horizont. Und baute weiter Brücken.

Der frühere Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Ishmael Noko, würdigte Kühn für dessen »wegweisende Studien zur katholischen und lutherischen Theologie und ihrem Verhältnis zueinander«. Besonders hebt Noko Kühns »Engagement für die Kirche und ihre Einheit« hervor. Es war ihm ein Herzensanliegen. Manchem Lutheraner freilich war das verdächtig.

Seinen Wurzeln indes blieb Kühn treu. Über 25 Jahre war er Mitglied der lutherischen Landessynode in Sachsen. Die frühere Synodalpräsidentin Gudrun Lindner spielte in einem Vergleich einmal auf Kühns Können als Musiker an. »Ein Mensch mit Gehör für die Einzelstimme, die Gesamtheit im Blick«, sei er. »Ein Professor, der nicht nur referiert, sondern dem die Erkenntnis seiner Hörer wichtig ist.«

In seinen letzten Jahren beobachtete Kühn die Diskussionen in seiner Landeskirche auch kritisch. Dass oft Strukturfragen im Vordergrund standen, schmerzte ihn. Er hoffte, dass »das Evangelium und die Beschäftigung mit anderen« wieder zu zentralen Aufgaben würden. Immer wieder betonte der Theologieprofessor, dass die Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche »keinen kirchentrennenden Charakter mehr haben«.

Die Hoffnung auf ein gemeinsames Abendmahl blieb ihm zu Lebzeiten unerfüllt.

Andreas Roth

Der Trauergottesdienst findet am 7. Dezember um 11 Uhr in der Leipziger Nikolaikirche statt.

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