Falsche Zuneigung


Aufklärung: Sexualisierte Gewalt ist auch für Kirchgemeinden ein Thema.
 
Sie bieten Rat und Aufklärung (v. l.): Kathrin Wallrabe, Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche, Kristina Bischoff von der Lebensberatungsstelle der Stadtmission Dresden und Jugendwartin Beate Tschöpe. (Fotos: Steffen Giersch)

Sie bieten Rat und Aufklärung (v. l.): Kathrin Wallrabe, Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche, Kristina Bischoff von der Lebensberatungsstelle der Stadtmission Dresden und Jugendwartin Beate Tschöpe. (Fotos: Steffen Giersch)

 
Zum Schutz vor sexualisierter Gewalt tourt die Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche durch die Kirchenbezirke. Sie will sensibler machen. Denn oft schweigen Opfer – und Täter kommen aus engster Nähe.
 

Sage keiner, das Problem mache einen Bogen um seine Gemeinde, warnt Kathrin Wallrabe. »Als Gemeindepfarrer, die mit Gruppen zu tun haben, können Sie davon ausgehen, dass es dort möglicherweise eine betroffene Person und einen Täter gibt. Auch wenn nicht darüber gesprochen wird.«

In Sachen Prävention ist Halbzeit für die 49-Jährige, seit 2009 Gleichstellungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche. In der Hälfte aller Kirchenbezirke hat hat mittlerweile darüber gesprochen, wie man sexuellem Missbrauch von Kindern vorbeugen kann. Auf Ephoralkonferenzen, immer gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus den regionalen Beratungsstellen der Diakonie.

»Gerade Pfarrer müssen wissen, dass sie sich dort hinwenden können, um fachlichen Rat zu bekommen«, sagt sie. »Das entlastet sie auch. Sie sind ja keine Therapeuten.«

So steht neben ihr Kristina Bischoff von der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Stadtmission vor den Pfarrern des Kirchenbezirkes Dresden Mitte. Zuwendung und Vertrauen spielten in der Kirche eine große Rolle, sagt sie. Gerade deshalb sei Basiswissen über sexuellen Missbrauch hier besonders nötig.

Beate Tschöpe, Jugendwartin im Dresdner Stadtjugendpfarramt, die zweite an Kathrin Wallrabes Seite, spricht lieber genauer von »sexualisierter Gewalt«. Denn damit gemeint sei jede sexuelle Handlung eines Täters gegen den Willen eines oder einer Betroffenen. Oft nutze er seine Machtposition. Die komme auch als Beliebtheit daher. »Gerade das ist häufig der Grund für das Schweigen betroffener Kinder: Sie mögen den Täter, sind abhängig von seiner Zuneigung.«

Fremde seien sie in den seltensten Fällen. Meist kämen sie aus der engsten Umgebung: Väter, Mütter, Verwandte, Nachbarn, auch andere Kinder oder Jugendliche, Ehrenamtliche, Hauptamtliche. Es handle sich um Menschen mit gewinnender Ausstrahlung, überwiegend Männer. Gezielt suchten sie sich Kinder aus, denen Zuwendung fehle. Gerade die könnten am wenigsten einschätzen, wo Zuwendung aufhöre und die Grenze zum Übergriff überschritten werde.

Ein wunder Punkt für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, die doch auf das Engagement Ehrenamtlicher angewiesen ist. »Da suchen Gemeinden nach Menschen, die gut mit Kindern umgehen können. Aber genau das bietet eine Lücke, durch die Täter schlüpfen können. Dessen sollte man sich bewusst sein und genau hinschauen«, sagt Beate Tschöpe.

DSC_7273Eine formale Absicherung ist das 2010 eingeführte »erweiterte Führungszeugnis«. Darin steht, ob jemand wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft ist. Ab Jahresbeginn 2013 werde das von staatlichen Stellen verlangt für ehrenamtliche Leiter kirchlicher Freizeiten, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, sagt der Dresdner Stadtjugendpfarrer Georg Zimmermann.

Auch ein Verhaltenskodex könne der Prävention dienen, erläutert Kathrin Wallrabe.

Am 9. Dezember soll ein solcher für die Landeskirche entwickelter erstmals öffentlich präsentiert werden. »Wenn Sie einem möglichen Täter so etwas vor die Nase halten, merkt er, dass das Thema präsent ist und er hier kein leichtes Spiel hat«, so Wallrabe.

Zudem hat die Landeskirche einen Handlungsleitfaden für Verdachtsfälle formuliert. Darin steht, wer in solchen Fällen verantwortlich und was zu tun ist.

Das seelsorgerliche Gespräch des Pfarrers mit einem mutmaßlichen Täter komme da an seine Grenzen, sagt Kathrin Wallrabe. »Sie zeigen in der Regel keine Schuldeinsicht.« Eine Beratungsstelle kann da hilfreich sein.

Tomas Gärtner

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