Keine Rettungsroutine

ian_carryEs war eine handfeste Überraschung, die Wahl des »Wortes des Jahres« in der vergangenen Woche. Der Begriff »Rettungsroutine« soll nach Ansicht der Gesellschaft für deutsche Sprache die Debatten des zu Ende gehenden Jahres prägnant widerspiegeln – auch wenn dieses Wort wohl nur einmal öffentlich verwendet wurde. Doch eine Gewöhnung an all die finanziellen Rettungsschirme und Rettungspakete mag wohl niemand bestreiten.

Aber könnte diese »Rettungsroutine« nicht auch zutreffen für die alljährlichen Advents- und Weihnachtsgottesdienste in unseren Kirchen? Wie routiniert wird da von dem Grund der Weihnacht gesprochen: der Rettung der Menschen durch Gott?

Gewiss, ohne Routine und Gewohnheit läuft auch das loderndste Glaubensleben nicht ab.

Jedoch gibt es die Gefahr, dass das Wiederholen von Wohlbekanntem nicht mehr das Herz berührt.

Das Wort »Rettungsroutine« ist eine Anfrage an die Verkündigung des Evangeliums heute. Vermögen es die Predigten und Krippenspiele über die bloße Wiederholung des Wohlbekannten hinauszugehen? Oder pflegt man nicht doch nur eine öde Routine? Alle Jahre wieder will man sie sehen, die Figuren der tiefsten Nacht: Maria und Josef, die Hirten und das Gotteskind – als handele es sich um andere Personen und nicht um einen selbst.

Doch zu Weihnachten geht es nicht um historische Ereignisse. Es geht darum, die Krippe im eigenen Herzen zu finden und seine Angst in Vertrauen zu wandeln.

Das Wort des Jahres könnte ermutigen, sich nicht an Weihnachten zu gewöhnen, sondern die Geburt Christi als eigene Wiedergeburt zu begreifen und sich von guten Mächten wunderbar geborgen wissen.

Stefan Seidel

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