Gehet heraus! Kommt hervor!

Alle kommen zur Krippe: Menschen mit Behinderungen der Diakonie-Wohnstätte Heinz Wagner in Leipzig führten am 3. Advent im Pavillon der Hoffnung ein Weihnachtsmusical auf. (Foto: Jan Adler)

Alle kommen zur Krippe: Menschen mit Behinderungen der Diakonie-Wohnstätte Heinz Wagner in Leipzig führten am 3. Advent im Pavillon der Hoffnung ein Weihnachtsmusical auf. (Foto: Jan Adler)

 
In der Heiligen Nacht von Jesu Geburt zeigte Gott sein wahres Gesicht: Er ist Mensch geworden, um denen Licht zu sein, die im Finstern wandeln – und wird wie sie arm und klein.
 

Weihnachten, eine große Posse, vom Lumpengesindel aufgeführt. Wer spielt mit? Maria, ein junges Mädchen, verarmter Adel aus dem Hause Davids, zu Unzeiten schwanger.

Die zweite Figur: Josef, ein Zimmermann, ein Kleinbürger, ziemlich verwirrt über die Schwangerschaft seiner Braut, mit der er nichts zu tun hat. Auf alten Bildern wird dargestellt, wie er seine Hosen auszieht und damit das göttliche Kind wärmt.

Weitere Personen: die Hirten, die Subproletarier jener Zeit. Sie sind zu arm, um fromm zu sein wie manche andere auch in dieser Welt. Schließlich die drei merkwürdigen Figuren aus dem Morgenland, denen die Tradition nachträglich den Glanz von Königen angedichtet hat; jene Frühesoteriker, die die Geburt des Kindes aus den Sternen gelesen haben wollen – die Posse der Armen und der Nicht-Dazugehörigen.

Wer fehlt in diesem Spiel? Der König soll geboren werden, und es fehlt die Macht. Das göttliche Kind soll geboren werden, und es fehlen die offiziellen Vertreter der Religion. Bei ihnen sind zwar die Bücher, die die Geburt ankündigen. Sie vermitteln den Ort, aber sie gehen nicht hin.

Eine Gruppe von Mitspielern erscheint standesgemäß: die Engel in Heerscharen und in der Klarheit des Himmels. Sie sagen die Nachricht, auf die die Hirten lange gewartet haben: »Euch und allem Volk wird eine große Freude widerfahren. Euch und allem Volk ist der Heiland geboren, der Messias, der Herr in der Stadt Davids.«

Der alte Traum der Gedemütigten, der Armen und der Gequälten soll wahr werden: Endlich ist er da, der Messias, der Retter, der Heiland und Herr. Er wird die Feinde vertreiben. Er wird den Blutsaugern das Handwerk legen, er wird die Macht aufs Kreuz legen, er wird die Waffen zerbrechen, er wird unsere Wunden heilen.

Die Engel geben ein Zeichen für diese Wahrheit: »Und das habt zum Zeichen: ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt, es liegt im Futtertrog der Esel und der Ochsen.« In den alten Schriften ist versprochen, welche Ereignisse die Ankunft des Messias begleiten: »Den Gefangenen soll gesagt werden: gehet heraus! Zu denen in der Finsternis: kommt hervor! Niemand wird weder hungern noch dür­sten, sie wird weder Hitze noch Sonne stechen.«

Das sind Zeichen, die zu einem Messias passen.

Ein erstes Weihnachtswunder: Die Hirten glauben den geringen Zeichen. Sie warten nicht mehr auf den glänzenden Gott der Heerscharen. Sie warteten nicht mehr auf den Unverwundeten und Unverwundbaren, den niemand aufs Kreuz legen kann.

Die Hirten erkennen ihren Retter in dieser fremden Gestalt. Sie gehen eilends hin, und sie fanden Maria und Josef und das Kind in seiner Armut. So singen wir in einem Weihnachtslied. »Er äußert sich all seiner G’walt, / wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.«

Das größte Weihnachtswunder: Gott weiß, wohin er gehört; zu jenem Lumpengesindel, das ihn braucht und das ihn erkennt. Die Götter, die wir uns ausdenken, haben all das, was uns selber fehlt: unsere Kargheit machen wir zu ihrem Reichtum. Unsere Niederlagen machen wir zu ihren Siegen.

Dieser kleine König im Stall von Bethlehem aber ist der große Einspruch gegen unsere Gottesbilder des ungetrübten Glanzes und der ungebrochenen Macht.

Das Wort Gott ist in der Geschichte der Menschheit ein verschlüsselter Text, man kann ihn auf viele Weise auslegen. Das Kind in der Krippe ist die Lesart, die uns bindet: Gott ist unkenntlich geworden südlich von Jerusalem, versteckt im kleinen König, geboren im Stall. Er meldet sich nicht unter dem Namen der Macht und des blendenden Glücks. Dieses Kind in Bethlehem ist das Fleisch gewordene Bilderverbot.

Fulbert Steffensky

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