Keine bleibende Stadt

losung_2013

Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir.
Hebräer 13, Vers 14

Die Welt scheint sich heute schneller zu drehen, nur wenig hat Bestand – viele Menschen empfinden das so. Abschiede vom Liebgewordenen sind oft schmerzhaft. Doch die neue Jahreslosung macht Mut: Christus kommt uns entgegen.

Jochen Bohl ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Foto: Steffen Giersch

Jochen Bohl ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Foto: Steffen Giersch

Vielen Menschen fällt es in unserer Zeit nicht leicht zu sagen, was ihre Heimat ist; manchen ist sie nur eine ferne Erinnerung. Die globalisierte Wirtschaft verlangt nach dem mobilen Mitarbeiter, der an vielen Orten einsetzbar ist. Da wird es schwer, Wurzeln zu schlagen, sich einen Freundeskreis aufzubauen, Familie zu gründen und das Leben zu pflegen, sich zu Hause zu fühlen.

Aber auch heute noch gibt es Menschen, die ihr Leben lang in ein und dem selben Dorf wohnen. Sie kennen alle Nachbarn von klein auf, haben tiefe Wurzeln geschlagen in ihrer Heimat, wissen sich geborgen in der Gemeinschaft des Dorfes. Oft nehmen sie weite Wege zur Arbeit auf sich. Manche kommen nur am Wochenende nach Hause, weil die Arbeitsstelle zu weit entfernt ist, um täglich zu pendeln. Aber sie kommen heim.

Für die modernen »Arbeitsnomaden« mag sich der erste Teil der Jahreslosung wie eine blanke Selbstverständlichkeit anhören; er spricht aber auch diejenigen, die in ihrem Zuhause stark verwurzelt sind, auf einen bedeutsamen Teil ihres Lebens an. Abschiede müssen auch sie nehmen – von vertrauten Nachbarn, die an einen anderen Ort umziehen. Oder sie stehen an dem Grab eines geliebten Menschen, mit dem sie lange das Leben geteilt hatten.

Der rasche Wandel in diesen schnelllebigen Zeiten ist ununterbrochen mit Veränderungen verbunden, die als Zumutungen erlebt werden und Abschieden gleichen. Wenig hat Bestand, unentwegt müssen wir uns mit Ungewohntem auseinandersetzen. Das Kursbuch der Bahn, die Telefonzelle, das Konversationslexikon, der Rollfilm in der Kamera – vergangen, Anklänge nur an Vergangenes. Nichts bleibt, wie es war – niemandem bleibt diese Erfahrung erspart. »Wir haben hier keine bleibende Stadt«, das ist wahr.

Wie gut, dass der Satz weitergeht: »Aber die zukünftige suchen wir«. Als Christen schauen wir über diese Welt hinaus, auch über die Abschiede von vertrauten Orten und Umständen oder vertrauten Menschen. Wir sehen auf die künftige Welt; erwarten die Vollendung des Gottesreiches.

Unter den irdischen Bedingungen ist es oft schmerzlich, zu gehen oder loslassen zu müssen. Aber dort – bei Gott – ist uns eine neue Welt verheißen, seine Ewigkeit, in der es keine Tränen geben wird. Die biblische Verheißung sagt, dass auf uns ein Ort des Friedens wartet; im Gottesfrieden werden wir bleiben können.

Diese Hoffnung auf die zukünftige Stadt ist ein Grundton des Christenlebens, nicht nur zum Jahreswechsel. Was uns das neue Jahr bringen wird, haben wir noch nie gewusst und wissen es auch jetzt nicht; das ist auch gut so. Wichtiger ist, dass es in dem hektischen Wandel dieser Tage eine Konstante gibt – unsere Bindung an den Herrn Jesus Christus und die Hoffnung auf das Leben in seiner neuen Welt. Wenn die erzwungene Mobilität so manche Beziehung zu Menschen auch erschwert oder gar zu Abschieden führt, so tragen wir doch das Vertrauen auf Gott in unseren Herzen immer mit uns; es bleibt uns – wie die Hoffnung auf die Ewigkeit, der wir entgegengehen.

Der Glaube schenkt die Gelassenheit, in der wir Veränderungen als das ansehen können, was sie sind: ein Teil unseres Lebens, das gestaltet sein will. Wir sind fröhlich in Hoffnung und folgen darin dem Apostel Paulus (Römer 12,12). Belastendes wird so die niederdrückende Schwere verlieren und es fällt leichter, Liebgewordenes oder Vertrautes loszulassen.

Auch im neuen Jahr wird in vielen Regionen unserer Landeskirche über eine engere Gemeinschaft von Kirchgemeinden, die Gründung von Kirchspielen oder Vereinigungen geredet werden. Immer wieder sehe ich bei meinen Besuchen, wie eine intensivere Zusammenarbeit unter Nachbarn zum Segen werden kann. Wir hängen an altvertrauten Ausdrucksformen des Glaubens, aber wahr ist auch, dass Neuerungen uns die Vielfalt unserer Frömmigkeit aufschließen können.

Vor notwendigen oder gar unvermeidlichen Abschieden brauchen wir uns nicht über die Maßen zu fürchten. Denn wir vertrauen darauf, dass der Herr uns auf unseren Wegen nahe ist.

Die Jahreslosung gibt uns das Ziel vor, dem wir entgegengehen in diesen Zeiten schneller und andauernder Veränderungen. Auf Christus vertrauen wir, der uns entgegenkommt. Sein ist die Zukunft.

Jochen Bohl

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