Loslassen und neu anfangen

Loslassen und neu anfangen

Die Sehnsucht nach einem stimmigen Leben kennt Almut Klabunde: Sie war Oberlandeskirchenrätin und wagte einen Neu­beginn als freiberufliche Beraterin – Abschied und Anfang gehören zusammen.

 Almut Klabunde (58) arbeitet seit August 2012 als freie Beraterin und Supervisorin in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

Almut Klabunde (58) arbeitet seit August 2012 als freie Beraterin und Supervisorin in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

In der Fähigkeit, anfangen zu können, zeigen sich Lebendigkeit, Freiheit und Kreativität – im alltäglichen Leben wie bei Lebenswenden. Ich möchte gern in einer Haltung des Anfangens leben, die Welt immer wieder wie zum ersten Mal sehen, mich überraschen lassen, mich einlassen auf das Unbekannte, das auf mich zukommt. Kinder vermögen das in der Regel noch ganz gut – Erwachsene müssen sich darin immer wieder üben.

Letztlich ist es eine geistliche Frage. Gott ist der große Anfänger. Wir sollen ihm als seine Kinder auch darin ähnlich sein und den Anfängergeist der Kinder in uns lebendig halten. Aus dieser Perspektive verstehe ich meinen beruflichen Wechsel auch als eine geistliche Herausforderung – mich ins Offene zu begeben ohne die Sicherheit, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie ich es mir wünsche.

Bei großen Veränderungen wird meistens sehr deutlich: ich muss immer auch loslassen, wenn ich anfangen will. Ich muss die Illusion loslassen, ich könnte die Chancen von heute zusammen mit dem Komfort von gestern haben. Es ist mir sehr schwergefallen, mich von Aufgaben und vor allem von Menschen zu verabschieden, mit denen ich sehr gern und freundschaftlich zu­sammen­gearbeitet habe. Diese Verluste wiegen schwer. Es hat mir wehgetan, Menschen enttäuschen zu müssen.

In dem Prozess des Loslassens von Aufgaben, Positionen, Zugehörigkeiten und Sicherheiten hatte ich zum Glück Menschen, die mich begleiteten ohne sich einzumischen. Ich konnte schließlich den Schritt aus der »Komfortzone« der bisherigen Stellung frei tun. Die entscheidende Antriebskraft war meine Sehnsucht nach einem Leben, das »stimmt«. Ich möchte nichts tun müssen, was mir fragwürdig erscheint.

Weil wir alle irgendwann schmerzhafte Erfahrungen mit aufgezwungenen Veränderungen machen mussten, lösen Anfänge bei uns nicht nur Begeisterung aus, sondern auch Ängste. Wenn ein Mensch geht, der mir wichtig war; wenn ich damit zurechtkommen muss, dass ich ungewollt meine Arbeit verliere; wenn mich eine schwere Krankheit aus den bisherigen Bahnen wirft, dann können Schmerz und Verzweiflung meine Versuche, neu anzufangen, schwer belasten.

Der zutreffende Satz, dass Krisen auch Chancen sind, kann auf Menschen in einer tiefen Krise herzlos wirken. Die Chancen der Krise werden ja immer erst im Nachhinein sichtbar. Wenn ich drinstecke, empfinde ich Chaos und Not. Ich kann dann nur sagen: »So ist das jetzt: es tut sehr weh, es kostet viel Kraft, es braucht seine Zeit.« Trauer und Schmerz wollen als Teil meines Lebens wahrgenommen und gewürdigt werden.

Es gehört zu den Unmenschlichkeiten unserer Kultur, dass sie kaum Räume für Trauer bietet. Mit einem großen Schmerz einfach weiterzumachen als wäre nichts, wird oft als besondere Stärke angesehen – auch unter Christen­menschen. Doch unbemerkt legt sich Mehltau auf die Seele, Lebenskräfte werden blockiert – und die Anfänge verderben. Wer einen schweren Verlust erlitten hat, braucht geschützte Orte und Zeiten für sich und seinen Schmerz. Zu wenige billigen sich das zu, auch aus Angst vor der Verständnislosigkeit ihrer Umwelt.

Mein Wechsel war anstrengend, aber er war dran, es war höchste Zeit. Meine neuen Aufgaben erlebe ich als sehr lohnend – und ich bin gespannt auf alles, was noch anfangen wird.

Almut Klabunde

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]

Loslassen und neu anfangen

Loslassen und neu anfangen

Die Sehnsucht nach einem stimmigen Leben kennt Almut Klabunde: Sie war Oberlandeskirchenrätin und wagte einen Neu­beginn als freiberufliche Beraterin – Abschied und Anfang gehören zusammen.

 Almut Klabunde (58) arbeitet seit August 2012 als freie Beraterin und Supervisorin in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

Almut Klabunde (58) arbeitet seit August 2012 als freie Beraterin und Supervisorin in Dresden. (Foto: Steffen Giersch)

In der Fähigkeit, anfangen zu können, zeigen sich Lebendigkeit, Freiheit und Kreativität – im alltäglichen Leben wie bei Lebenswenden. Ich möchte gern in einer Haltung des Anfangens leben, die Welt immer wieder wie zum ersten Mal sehen, mich überraschen lassen, mich einlassen auf das Unbekannte, das auf mich zukommt. Kinder vermögen das in der Regel noch ganz gut – Erwachsene müssen sich darin immer wieder üben.

Letztlich ist es eine geistliche Frage. Gott ist der große Anfänger. Wir sollen ihm als seine Kinder auch darin ähnlich sein und den Anfängergeist der Kinder in uns lebendig halten. Aus dieser Perspektive verstehe ich meinen beruflichen Wechsel auch als eine geistliche Herausforderung – mich ins Offene zu begeben ohne die Sicherheit, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie ich es mir wünsche.

Bei großen Veränderungen wird meistens sehr deutlich: ich muss immer auch loslassen, wenn ich anfangen will. Ich muss die Illusion loslassen, ich könnte die Chancen von heute zusammen mit dem Komfort von gestern haben. Es ist mir sehr schwergefallen, mich von Aufgaben und vor allem von Menschen zu verabschieden, mit denen ich sehr gern und freundschaftlich zu­sammen­gearbeitet habe. Diese Verluste wiegen schwer. Es hat mir wehgetan, Menschen enttäuschen zu müssen.

In dem Prozess des Loslassens von Aufgaben, Positionen, Zugehörigkeiten und Sicherheiten hatte ich zum Glück Menschen, die mich begleiteten ohne sich einzumischen. Ich konnte schließlich den Schritt aus der »Komfortzone« der bisherigen Stellung frei tun. Die entscheidende Antriebskraft war meine Sehnsucht nach einem Leben, das »stimmt«. Ich möchte nichts tun müssen, was mir fragwürdig erscheint.

Weil wir alle irgendwann schmerzhafte Erfahrungen mit aufgezwungenen Veränderungen machen mussten, lösen Anfänge bei uns nicht nur Begeisterung aus, sondern auch Ängste. Wenn ein Mensch geht, der mir wichtig war; wenn ich damit zurechtkommen muss, dass ich ungewollt meine Arbeit verliere; wenn mich eine schwere Krankheit aus den bisherigen Bahnen wirft, dann können Schmerz und Verzweiflung meine Versuche, neu anzufangen, schwer belasten.

Der zutreffende Satz, dass Krisen auch Chancen sind, kann auf Menschen in einer tiefen Krise herzlos wirken. Die Chancen der Krise werden ja immer erst im Nachhinein sichtbar. Wenn ich drinstecke, empfinde ich Chaos und Not. Ich kann dann nur sagen: »So ist das jetzt: es tut sehr weh, es kostet viel Kraft, es braucht seine Zeit.« Trauer und Schmerz wollen als Teil meines Lebens wahrgenommen und gewürdigt werden.

Es gehört zu den Unmenschlichkeiten unserer Kultur, dass sie kaum Räume für Trauer bietet. Mit einem großen Schmerz einfach weiterzumachen als wäre nichts, wird oft als besondere Stärke angesehen – auch unter Christen­menschen. Doch unbemerkt legt sich Mehltau auf die Seele, Lebenskräfte werden blockiert – und die Anfänge verderben. Wer einen schweren Verlust erlitten hat, braucht geschützte Orte und Zeiten für sich und seinen Schmerz. Zu wenige billigen sich das zu, auch aus Angst vor der Verständnislosigkeit ihrer Umwelt.

Mein Wechsel war anstrengend, aber er war dran, es war höchste Zeit. Meine neuen Aufgaben erlebe ich als sehr lohnend – und ich bin gespannt auf alles, was noch anfangen wird.

Almut Klabunde

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