In den Schwachen mächtig

so-2

Gottes Führung sieht manchmal ganz anders aus als Erfolg. Für Ulrich Döink ist das Rettung und Anstoß zugleich – auch wenn es mitunter kaum auszuhalten ist.
 

Man könnte Ulrich Döink zu den Starken rechnen. Er handelt mit Zeitungen, steht in der Öffentlichkeit, stellt sich dem scharfen Wind des Wettbewerbs. Christ ist er auch noch. Es könnte eine perfekte Story werden: Gott segnet den Erfolgreichen.

Nur dass Ulrich Döinks Umsatz 60 Euro im Monat nie übersteigt, dass seine Zeitung ein soziales Straßenmagazin für Langzeitarbeitslose ist mit Namen »Drobs« und seine Öffentlichkeit ein zugiger Ort in einem Monstrum von Kaufpark an einer Dresdner Ausfallstraße. Sein ganzes Einkommen ist so hoch wie der Eintritt beim Kongress christlicher Führungskräfte, die sich nächste Woche in Leipzig treffen. Dabei könnte er viel über Führung erzählen: über Gottes Führung. Und dass sie oft ganz anders aussieht als Erfolg.

Ulrich Döink wirkt wie ein Mann im falschen Stück: Ein studierter Philosoph von 64 Jahren, der mit grauem Bart und Brille ein veritabler Kirchvorsteher sein könnte, in den Kleidern eines Straßenzeitungsverkäufers. Grüne Kutte, grüner Pullover, braune Hose, die Farben schon matt geworden.

Döink blickt lange durch das Fenster in den trüben Januarregen, als würde er etwas suchen. Etwas, dass nur schwer zu fassen ist, und schon gar nicht ganz zu begreifen. Da draußen, zwischen den Plattenbauten von Dresden-Prohlis. Ihm fällt Jesaja ein: »Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.«

Angeknackst sei sein Leben schon, sagt Ulrich Döink. Es senkt sich mitunter bleischwer auf seine Seele. In solchen Momenten sind die Brüche in seiner Biographie für ihn kaum zu ertragen.

Da ist der christlich erzogene Junge, der er war, und der an den Sozialismus zu glauben begann. An eine gerechtere Ordnung. Der später an Dresdner Betrieben Marxismus-Leninismus unterrichtete, Dialektik, Politische Ökonomie, das ganze Programm. Den die Scheidung von seiner Frau aus der Bahn warf. Der deshalb noch in der tiefsten DDR begann, im Urlaub heimlich Gottesdienste zu besuchen. Und Bibeln zu verschlingen, Katechismen, Bekenntnisse, Rahner und Barth, Ziegelsteine von Büchern. Als die Friedliche Revolution kam, verlor Ulrich Döink fast alles. Es folgten 23 Jahre Arbeitslosigkeit. Nur der Glaube blieb ihm, der sacht keimte und in ihm wuchs. Nur das grünte noch.

»Manchmal hat mir der liebe Gott etwas zugemutet, was ich fast nicht ertragen habe«, sagt er. »Ich habe ihn auch als zornigen Gott, als richtenden Gott erlebt – nicht nur als lieben Gott.« Wenn er am Abend solcher Tage im Sessel seiner kleinen Wohnung sitzt, in einem dieser orangen Wohntürme, dann liest er die Bibelverse in seinem Abrisskalender. Und erinnert sich an den Vers aus dem Römerbrief für seine späte Konfirmation mit 44 Jahren: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.«

Ulrich Döink spürte dann, was er den Heiligen Geist nennt. »Von ihm habe ich eine Stärkung erfahren – und eine Bestätigung, dass nicht alles, was ich früher gedacht habe, falsch war. Innerlich war da in mir eine Stimme, die sagte: Es kommt noch eine Zeit, da wird alles gut.« Ulrich Döinks gelobtes Land ist bescheiden: Gesundheit, einmal Urlaub an der See und Sachen aus einem Geschäft statt aus der Kleiderkammer. Er hofft auf Gott im Diesseits.

So steht er vor dem Tempel des Konsums am Rande Dresdens, hält den Einkäufern die Straßenzeitung entgegen, erträgt die sich abwendenden Blicke und auch jene, die ihn durchdringen wie Luft. In seiner Jackentasche trägt er ein Karte, auf der ein dürres Bäumchen sprießt aus einer toten Wurzel. Dazu ein Christuswort aus dem 2. Korintherbrief: »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Man muss Menschen wie Ulrich Döink gerade deshalb zu den Starken rechnen.

Andreas Roth

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]