Kein Kompromiss


Debatte: Gegner und Befürworter von homosexuellen Partnerschaften im Pfarrhaus diskutierten in Chemnitz.
 
Bis in die Tür der übervollen Johanniskirche in Chemnitz standen am 10. Januar die rund 500 Zuhörer der ersten Podiumsdiskussion des SONNTAG zur Debatte über homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern. Es debattierten Synodalpräsident Otto Guse (2. v. l.), Landesbischof Jochen Bohl (3. v. l.), Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz (3. v. r.) sowie der Plauener Pfarrer Falk Klemm (2. v. r.) und Pfarrer im Ruhestand Dieter Keucher (r.), die beide der Sächsischen Bekenntnisinitiative angehören. Diese kritisiert den Beschluss der Kirchenleitung, gleichgeschlechtliche Paare das Leben in Pfarrhäusern zu erlauben. Die Anhänger dieser Position waren im Publikum in großer Überzahl und dominierten mit ihrer Kritik die Diskussion, zu der alle Zuhörer eingeladen waren. Moderiert wurde der Abend von SONNTAG-Redakteur Andreas Roth (l.). (Foto: Steffen Giersch)

Bis in die Tür der übervollen Johanniskirche in Chemnitz standen am 10. Januar die rund 500 Zuhörer der ersten Podiumsdiskussion des Sonntag zur Debatte über homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern. Es debattierten Synodalpräsident Otto Guse (2. v. l.), Landesbischof Jochen Bohl (3. v. l.), Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz (3. v. r.) sowie der Plauener Pfarrer Falk Klemm (2. v. r.) und Pfarrer im Ruhestand Dieter Keucher (r.), die beide der Sächsischen Bekenntnisinitiative angehören. Diese kritisiert den Beschluss der Kirchenleitung, gleichgeschlechtliche Paare das Leben in Pfarrhäusern zu erlauben. Die Anhänger dieser Position waren im Publikum in großer Überzahl und dominierten mit ihrer Kritik die Diskussion, zu der alle Zuhörer eingeladen waren. Moderiert wurde der Abend von SONNTAG-Redakteur Andreas Roth (l.). (Foto: Steffen Giersch)

 
Hinter dem Streit um homosexuelle Paare brennt die Frage: Wie lesen wir die Bibel? Darüber diskutierten beim SONNTAG-Podium in Chemnitz Landesbischof Jochen Bohl, Synodalpräsident Otto Guse und Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz mit den Pfarrern Falk Klemm und Dieter Keucher von der Bekenntnisinitiative.
 

Es ist merkwürdig: Gegner wie Befürworter einer Öffnung von Pfarrhäusern für gleichgeschlechtliche Partnerschaften berufen sich auf die Heilige Schrift und den Heiligen Geist. Was stimmt denn da mit dem Heiligen Geist nicht – oder stimmt da etwas mit uns nicht, Herr Bohl?
Bohl: Mit dem Heiligen Geist wird’s schon stimmen. Er macht uns das Geschenk des Glaubens. Die Heilige Schrift wiederum besteht aus Texten, die als Zeugnisse des Glaubens an den lebendigen Gott geschrieben worden sind – von Menschen in bestimmten Lebenssituationen.

Können Sie da mitgehen, Herr Klemm?
Klemm: Natürlich ist die Bibel nicht vom Himmel gefallen. Aber wir haben die Heilige Schrift nicht erst durch Menschen, sondern durch Gottes Geist, der in den Schreibern wirkte. Sie ist Gottes Wort.

Luther immerhin konnte den Jakobusbrief, die Johannesoffenbarung und den Hebräerbrief kritisieren von Christus als der Mitte der Schrift her und hat biblische Texte aus dem Kanon gestrichen. War das ungehörig?

Keucher: Er hat von dieser Mitte der Schrift gesprochen, aber das ist noch lange nicht alles von Luther. Bei ihm finden wir auch mancherlei Irrtümer. Natürlich ist die Bibel auch Glaubenszeugnis. Aber in ihr haben wir auch ganz deutlich das über menschliches Verstehen hinausgehende Reden Gottes. Wir dürfen die Bibel nicht auf das reduzieren, was unserer menschlichen Vernunft nahe ist.
Bohl: Ich empfinde das nicht als Gegensatz, was Sie gesagt haben. Die Bibel ist für uns Gottes Wort – und sie ist zugleich Menschenwort. Das Gotteswort haben wir nur als Menschenwort. Das ist der Grund, warum wir Auslegung brauchen und wir um die Wahrheit in der Schrift jedes Mal ringen.
Pilz: Natürlich ist auch für mich die Bibel heilig. In ihr spricht Gott zu uns. Allerdings braucht jedes Lesen Vermittlung – auch das Lesen der Heiligen Schrift. Es gehört zur Demut und zur Selbsterkenntnis zu sehen: Auch mein Lesen der Heiligen Schrift ist immer nur ein Bruchstück. Keiner hat einen unmittelbaren Zugang. Zu Frauen im Pfarramt beispielsweise haben wir in unserer Kirche Gott sei Dank eine andere Haltung entwickelt als einzelne biblische Belege es formulieren. Ich halte das für eine geistgewirkte und eben biblisch begründete Entscheidung. Ähnlich war es, als die amerikanischen Kirchen im 19. Jahrhundert die Sklaverei dem Gesamtzeugnis der Bibel entsprechend für unchristlich erklärten, auch wenn zum Beispiel die Haustafeln Sklaverei als Christusdienst legitimieren.

Das Thema Homosexualität scheint nicht durch Zufall den Konflikt entzündet zu haben. Im 3. Buch Mose steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur Homosexualität das Verbot von Blutgenuss und des Rasierens – wir beide hätten mit Letzterem ein Problem, Herr Klemm: Warum ist ausgerechnet die Homosexualität der Bekenntnisfall für Sie?
Klemm: Die Homosexualität steht in der Schrift in einem ganz anderen Zusammenhang als die Ordination der Frau oder die Frage des Genusses von Blutwurst. Altes und Neues Testament äußern sich durchgehend ablehnend zur Homosexualität. Christus hat nicht das Gesetz aufgelöst, sondern er hat gesagt: Ich bin gekommen, um es zu erfüllen.

Jetzt haben Sie zum Rasier-Verbot noch nicht geantwortet …
Klemm: Das sind alles auch zeitbedingte und in ihrem Kontext zu verstehende Äußerungen.

Das kann man vom Verbot der Homosexualität auch sagen.

Klemm: Nein, das könnte man eben nicht.
Bohl: Wir müssen die biblischen Stellen immer so wahrnehmen, wie sie gemeint sind. Wir müssen die Situation berücksichtigen, in der sie geschrieben wurden, wir müssen sie auslegen und mit einem gläubigen Herzen betrachten. In der Frage homosexueller Partnerschaften geht es um ein Problem, das wir so in der Bibel nicht finden. Da müssen wir die Schrift befragen und auslegen, um zu Lösungen zu kommen, die wir vor Gott, unserem Gewissen und voreinander verantworten können.

Herr Guse, Sie haben als Mitglied der Kirchenleitung die Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare mit getragen. Wie kann man denn den Vorwurf, den sich die Kirchenleitung mit ihrem Verweis auf gesellschaftliche Entwicklungen ein Stück weit selbst zugezogen hat, entkräften, dass hier nur der Zeitgeist obwaltet?
Guse: Ich will das gar nicht entkräften. Das ganze Luthertum basiert auf Zeitgeist. Die Reformation war nur darum wirklich wirksam, weil die Zeit reif war dafür. In der evangelischen Kirche haben wir kein Lehramt. Die Kirchenleitung sagt niemandem, was er zu glauben hat. Sondern Gott allein. Wenn ich in der Bibel eine Erkenntnis gewonnen habe, dann habe ich danach zu leben.
Keucher: Ich will Ihnen widersprechen. Wir haben natürlich eine Lehrautorität: Wir haben die Bekenntnisschriften und können mit der Bibel nicht umspringen, wie es uns passt. In der Frage der Homosexualität ist die Bibel völlig eindeutig. Da gibt es nicht die Spur eines Kompromisses. Wenn wir die Bibel ernst nehmen, gibt es keine Möglichkeit einer Lösung, wie sie die Kirchenleitung beschlossen hat. Wir dürfen nicht die Autorität der Bibel beiseiteschieben.
Bohl: Bruder Keucher, wir haben die Bibel nicht an die Seite geschoben. Wir haben aufmerksam in ihr gelesen und in ihr gesucht. Wir sind nur zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen an dieser einen Stelle. Es gibt in unserer Landeskirche Christenmenschen, die mit Gott nicht anders leben als Sie oder ich – und die von sich bekennen, dass sie homosexuell sind und es ihnen nicht möglich ist, von dieser Disposition abzusehen. Auch diese Schwestern und Brüder stehen einer Kirchenleitung vor Augen. Ich bestreite niemandem, den Beschluss der Kirchenleitung zu kritisieren. Aber als evangelische Christen müssen wir einander zubilligen, dass wir im aufrichtigen und ehrlichen Hören auf die Schrift auch zu unterschiedlichen Antworten kommen können.

Aus der Podiumsdiskussion am 10. Januar in Chemnitz,
Moderation: Andreas Roth

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