Muss ich das ertragen?


Andere Religionen, Bräuche und Meinungen fordern heraus. Zur Toleranz wird aufgerufen – doch sie ist schwer. Wie tolerant muss ein Christ eigentlich sein?
 
Testfall für Toleranz: Mit einer verhüllten Muslima an einer Haltestelle wirbt die EKD für das Themenjahr »Reformation und Toleranz«. (Foto: Basti Arlt)

Testfall für Toleranz: Mit einer verhüllten Muslima an einer Haltestelle wirbt die EKD für das Themenjahr »Reformation und Toleranz«. (Foto: Basti Arlt)

 
Wenn am 13. Februar in Dresden Neonazis aufmarschieren, ist für viele die Toleranzgrenze überschritten. »Null Toleranz für Nazis!«, heißt es dann auch auf Protestplakaten.

Es ist nicht leicht mit der Toleranz. Oft wird sie gefordert. Doch bei ihrer Anwendung hapert es. Sie endet oft bei der nächsten Nazi-Demo. Oder beim Bau einer Moschee im Wohngebiet. Oder wenn ein homosexueller Pfarrer mit seinem Partner ins Pfarrhaus einzieht.

Wie tolerant muss ein Christ sein?

Diese Frage stellt das diesjährige Themenjahr »Reformation und Toleranz« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das die sächsische Landeskirche am 27. Januar in Dresden eröffnet.

»Allein durch das Gebot der Feindesliebe ist es einem Christen verwehrt, intolerant zu sein«, meint Peter Zimmerling, Professor für Praktische Theologie in Leipzig. Er wünscht sich, dass die Christen von anderen Religionen und Weltanschauungen lernen. Dabei müsse allerdings nicht das eigene Glaubensfundament aufgegeben werden, so Zimmerling: »Wer sich seiner religiösen Überzeugungen gewiss ist, braucht keine Angst vor anderen Religionen zu haben.«

Doch was ist, wenn eine andere Auffassung der eigenen völlig entgegensteht? Hier beginnt nach Meinung des Weltanschauungsbeauftragten der Landeskirche, Harald Lamprecht, der eigentliche Ernstfall der Toleranz: »Religiöse Toleranz bedeutet, eine andere Religion zu dulden, obwohl es begründete Kritik an ihr gibt.«

Aus der Christentumsgeschichte sei zu lernen, wie man es nicht macht, meint Peter Zimmerling und ergänzt: »Es ist ein großer Fortschritt, dass das Christentum heute in Amerika mit Freiheit gleichgesetzt wird.«

»Jesus war nicht nur tolerant«, betont Volker Gebhard, Pfarrer an der Chemnitzer Lutherkirche. Alle Menschen, insbesondere seine Gegner, habe Jesus in aller Deutlichkeit mit der Wahrheit konfrontiert, so Gebhard, der Ähnliches auch in seiner Gemeinde umzusetzen versucht. »Wenn ein Gemeindeglied offensichtlich im Ehebruch lebt, würde ich einerseits die Person vor Verurteilung in Schutz nehmen, andererseits sie herausfordern, nicht weiter zu sündigen.« Ebenso solle öffentlich nicht verheimlicht werden, »dass allein Jesus der Weg zum himmlischen Vater ist«, so Gebhard.

Dem widerspricht sein Chemnitzer Pfarrerkollege Stephan Brenner: »Wenn etwas für mich stimmt, muss es doch nicht auch gleich für alle anderen so sein.« Toleranz bedeute für ihn, die eigene Position nicht absolut zu setzen. »Es gibt unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in den Religionen, die sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden«, so Brenner. Seit Jahren leitet er einen interreligiösen Gesprächskreis in der Chemnitzer Volkshochschule, an dem Muslime, Juden und Bahais teilnehmen. Auch eine interreligiöse Stadtrundfahrt zu den Orten der verschiedenen Konfessionen und Religionen mit dem Chemnitzer Friedensbus konnte unter seiner Regie bereits drei Mal stattfinden.

Bei all diesen Unternehmungen verschweigt Brenner aber nicht seinen Glauben. »Für mich ist Christus der entscheidende Zugang zu Gott«, bekennt er. Doch er weiß auch, »dass Gott letztlich größer ist als es unsere religiösen Anschauungen fassen können.«

Am Ende gehe es bei der Toleranz schlicht darum, auf jede Form von Gewalt gegen andere Religionen und deren Angehörige zu verzichten, meint Harald Lamprecht.

Dieser Grundsaz, dem Andersdenkenden nicht mit einer wie auch immer gearteten Gewalt zu begegnen, wird hoffentlich auch am 13. Februar in Dresden sowie bei all den anderen Testfällen der Toleranz eingehalten – und nicht für null und nichtig erklärt.

Stefan Seidel

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