Wir brauchen Befreiung

kom_04_2013

Man hat sich gewöhnt an das jährliche Gedenken der Opfer des NS-Regimes am 27. Januar – dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz. Doch in Fleisch und Blut eingegangen ist dieses Datum nicht. Die wenigsten schenken diesem Bußtag Aufmerksamkeit. Das Gedenken wird oft den Berufspolitikern überlassen, die pflichtmäßig Kränze niederlegen.

Viele sind der Erinnerung an das finsterste Kapitel deutscher Geschichte überdrüssig. Das dürfte an zu vielen Belehrungen über das richtige Verstehen dieser Zeit liegen. Doch ein Moment des Innehaltens sollte ein Datum wie der 27. Januar schon provozieren. Da könnte zum Beispiel Dankbarkeit hochkommen ob der Gnade, die allen zuteil wurde, die den Verblendungen der NS-Zeit durch einen späteren Geburtstag entkommen sind.

Es könnte Dankbarkeit hochkommen dafür, dass heute in ­Europa Frieden und eine gemeinsame Ordnung herrschen und selbst Erzfeinde wie Frankreich und Deutschland versöhnte Partner sind.

Doch auch ein scharfer Blick auf die Gefährdungen würde einem solchen Tag gerecht. Wodurch ist Menschlichkeit und Frieden heute gefährdet? Zum Beispiel dadurch, dass Deutschland zum drittgrößten Waffenexporteur der Welt aufgestiegen ist und damit viele Konflikte dieser Welt anheizt. Oder dass ­Europa immer offensiver vorgeht, zum Beispiel an seinen Außengrenzen gegen Flüchtlinge.

Was einem selber geschenkt wurde: Freiheit und Frieden, sollte anderen nicht vorenthalten werden. Auch heute ist eine Befreiung nötig – von Profitgier, vom Glauben an militärische Lösungen und von der Blindheit gegenüber den Nöten anderer. Vielleicht würde unserem Land bei ernsthaftem Innehalten diese Befreiung zuteil?

Stefan Seidel

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