Das Kreuz mit der Sünde

Titel_05_580

Von Sünde redet selbst die Kirche nicht mehr gern – und doch bestimmt sie unser Leben. Aber es geht nicht um Moral, sondern um Erlösung.
 

Die Sünde ist in unseren Tagen eine böse Fee aus einem bösen Märchen. Nur noch mit Narrenkappe darf sie auftreten in den Gewändern von Geschwindigkeitsübertretung, Naschwerk und Rotlicht. In diese Randbezirke wurde die Sünde abgeschoben. Dabei lebt sie mitten unter uns. Mitten in uns.

Sie spiegelt sich im enttäuschten Gesicht der Kinder, die dem viel beschäftigten Vater nur nachsehen konnten. Im Gesicht des Alten, der Jahrzehnte später vergebens auf seine Kinder wartet. Im Gesicht der erwachsen gewordenen Kinder, die dem alt gewordenen Vater seine Lieblosigkeit in gleicher Münze heimzahlen. Sie können, scheint ihnen, nicht anders. Von der Sünde kennen sie nur ihre bonbonfarbene Oberfläche. Ahnen ihre moralinsaure Schwere. Dabei geht es um alles andere als Moral. Es ist viel ernster.

Die Sünde ist auf der Erde wie die Schwerkraft. Da ist keiner, der ihr entkommt. Zuverlässig zieht sie nach unten. Um das zu beweisen, braucht man nicht viel. Ein Blick in die Brüche, die das eigene Leben durchziehen, reicht schon. Vom Elend der weiten Welt gar nicht zu reden.

Martin Luther hat die Sünde so beschrieben: Sie ist der in sich selbst verkrümmte Mensch. Sie ist der Mensch, wenn er um sich selbst kreist. Der nie zufrieden ist, immer mehr haben will. Mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Liebe, mehr Freunde. Mehr Gott.

Der in sich selbst verkrümmte Mensch windet und verknotet sich, um Erlösung zu finden. Er arbeitet viel, er schindet sich, dreht sich um seine Sorgen, buckelt die ganze Verantwortung für sein Leben. Sogar für sein ewiges Leben will der Fromme unter den Sündern selbst sorgen durch festen Glauben. Das Schlimme ist: Der Sünder wird sein Ziel aus eigener Kraft nie erreichen. Niemals.

Er macht es nur noch ärger. So sehr krümmt sich der Mensch in sich selbst, dass er die Augen der Nächsten nicht mehr sehen kann. Und auch die Augen Gottes nicht in ihnen.

Je mehr die Kirche über die Jahrhunderte von der Sünde geredet hatte, desto gebückter wurde der Sünder. Als die Kirche das erkannte, hörte sie auf, von der Sünde zu reden. Das Problem war nur: Das Phänomen verschwindet nicht, wenn man von ihm schweigt.

Es ist noch vertrackter. »Ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde«, schrieb Paulus im Brief an die Römer (Kapitel 7,23). Der Mensch will das Gute, in immer neuen Anläufen – und scheitert immer neu. Wie an einer Glaswand. Das ist Sünde. Eine Macht. »Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht«, sagte Jesus (Johannes 8,34).

Der Mensch, der sich verzweifelt in sich krümmt, verschließt sich am Ende. Wie eine Muschel. Er klappt zusammen. Dann wird es einsam. Diese Einsamkeit verbirgt sich oft hinter geschäftigen Fassaden. Auch hinter frommen. Dass die Tat der Sünde auf den Sünder letztlich zurückfällt, wussten schon die alten jüdischen Theologen im Buch der Sprüche Salomos. Paulus sah es noch dramatischer: »Der Tod ist der Sünde Sold« (Römer 6,23). Wenn Beziehungen sterben, beginnt der Tod schon mitten im Leben.

Völlige Einsamkeit? Nein, Gott will dort sein, wo die Sünde ist. So nah bei den Sündern wie Jesus. Mit aller Konsequenz. In Jesus starb er ganz – und hat die Sünde für die Menschen ganz überwunden. Jesus sagte: »Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« (Matthäus 25,40). Wenn sich der gekrümmte Mensch aufrichtet und in ein Gesicht blickt, dann wird er ein Lächeln sehen können. Oder einen Hilferuf. Oder Vergebung. Dann kann er Gott sehen. Und die Sünde ist für einen kleinen Augenblick schon im Diesseits besiegt.

Andreas Roth

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]