Asche zu Leben

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Der Aschermittwoch bewahrt eine alte christliche Wahrheit: Die Asche ist nicht das letzte. Gott schafft neu. Doch wie kann man davon sprechen?
 

Als mein Sohn im Alter von fünf Jahren eines Nachmittags hinausging zur Feuerstelle in unserem Garten, von dort mit einer kleinen Schaufel voll Asche zurückkehrte und dann im Kinderzimmer seinem weißen Kaninchen namens Max versuchte, ein Kreuz auf den Kopf zu zeichnen, wurde mir klar, was es bedeutet, dass er einen katholischen Kindergarten besucht.

Das arme Tier entwischte ihm immer wieder, bald waren das Kind und das Kaninchen über und über mit Asche beschmiert. Asche an den Händen und im Gesicht, Asche im Fell, Asche im Haar, Asche in den Augen – und die Tränen verwischt – verschmierte Asche … Irgendwann konnte sich die »ängstliche Kreatur« dem immer härteren Griff des Kindes nicht mehr entziehen: »Kehre um und glaube an das Evangelium!«

Was heißt es, vom Aschermittwoch zu sprechen? Es heißt zunächst, die Asche zur Kenntnis zu nehmen, jene fast schwerelose, feine Substanz, die übrig bleibt, wenn etwas verbrannt ist. Aller Atem, alles geistige Vermögen ist entwichen. Nur ein Rest ist da – der eine Frage in sich trägt: Was bleibt?

Der Aschermittwoch, das Kreuzeszeichen. Die Asche auf das Kreuz – die entscheidende Lektion für mich als Dichter und als gläubigen Menschen. Was sollte das denn sein, das Wort vom Kreuz, von dem Paulus spricht? Wenn es sich dabei um Sprache handelte, dann um keine in einem vertrauten Sinn.

Sie hätte vielleicht Ähnlichkeit mit einem Gedicht, so wie es vor allem nach den geschichtlichen Beben des 20. Jahrhunderts verstanden wurde: als notwendig unzusammenhängendes Stottern, als Lautgebilde, dessen Aussagen sublim in Rissen und Lücken geschehen, gegensprachliche Sprache, magischer Rest.

Es ist ja nicht so, als spräche der Glaube von Dingen, von denen sich sprechen ließe. Als würden Worte wie »Gott« oder »Kreuz« etwas bedeuten wie andere Worte, die ich gebrauche. Nein, das Wort vom Kreuz hat seine Wahrheit nicht in dem, was es sagt – es spricht von einer Unmöglichkeit zu sprechen angesichts dessen, was geschehen ist: des Todes des Erlösers. Das Wort vom Kreuz spricht von dem Moment, wo Sprache verloschen ist und erst entsteht auf dem Grund des Ungesagten. Darum ist es eine pure Sinnlosigkeit für die, die es einordnen wollen in ihr sprachliches Selbstverständnis.

Rauhes Holz, vertrocknete Blutspuren. Das Kreuz ist leer. Der Nagel auf der einen Seite des Querbalkens ließ sich einfach herauslösen, unter der Oberfläche war der behauene Stamm morsch. Auf der anderen Seite musste die Hand mit einem Eisen herausgehebelt werden, ebenso dann die beiden Füße. Das Holz für ein Kreuz war kostbar, solange es nicht über eine größere Länge splitterte. Die Balken erholten sich nun in der Sonne. Fliegen wurden von keiner Feuchtigkeit mehr angezogen. Nur wenige kreisten noch über den schweißschweren Eisennägeln am Boden. Er ist tot. Stumm Gemachtes. Schorf.

Das Kreuz ist leer. Pinienholz. Irgendwann wird es wohl verbrannt, denn es altert unter den sterbenden Körpern. Es taugt nur für wenige Kreuzigungen. Flammen, Blau und Gelb, Orange und Rot, die vielen Hautfarben. Chaotische Trauer, orientierungsloses Erinnern: Das Kreuz ist leer. Der tiefste Schmerz entsteht an der abstraktesten Stelle, in der Abwesenheit.

Asche, Lektionen der Asche: Irgendwo in der Ferne flackern die Oster­feuer. Irgendwo dahinten … Und gleich ist es soweit, gleich ist sie verweht, die Asche. Morgen schon, morgen, bestimmt wird sie verweht …

Christian Lehnert

Am 18. Februar erscheint das neue Buch von Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Ein Essay über Paulus. Suhrkamp-Verlag 2013, 282 Seiten, 22, 95 Euro.

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