Fasten allein hilft nicht

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Fasten ist fast schon zu einem Volkssport der Deutschen geworden. Aber warum ausgerechnet in der Passionszeit?

Eine Frage, die man in diesen Wochen häufiger hört: »Was fastest du diesmal?« Unter katholischen, gar orthodoxen Christen, unter Juden oder Anhängern anderer Religionen wäre sie undenkbar. Dort sind die Regeln klar. Selbstredend enthält man sich der Nahrung vollständig, zumindest tierischer Produkte.

Die Verzeichnisse individueller Minimalaskese mancher Bundesbürger hingegen offenbaren auffällige Ähnlichkeiten mit Supermarktregalen: Keine Zigaretten, keine Schokolade und andere Süßigkeiten, kein Alkohol. Gestrichen wird, was nicht lebensnotwendig ist, aber das Leben verschönert. Womöglich ist es auch eine zumindest zeitlich begrenzte Verweigerungshaltung gegen den Überfluss unserer Warengesellschaft.

Unschlagbar beim Aufspüren von Ideen zur Enthaltsamkeit dürfte die Fastenaktion »7 Wochen ohne« sein. Jahr für Jahr überrascht sie mit einem neuen Vorschlag. »Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht«, lautet er diesmal. Die Initiatoren ahnten schon, dass sie es damit etwas übertrieben haben könnten und betonen in der Erklärung zum Thema, als Aufforderung zu Leichtsinn und Rabaukentum sei dies nicht zu verstehen. Es gehe darum, so furchtlos Aufbrüche zu wagen wie manche Gestalten der Bibel.

Manche finden diesen provokativen Drang zur Originalität ein wenig bemüht. Eines zeigt dieses Springen von einer zur nächsten Verzichtsmöglichkeit jedenfalls: Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Auch beim Fa­sten herrscht Wahlfreiheit.

Gerade dies hat es mittlerweile zu einer Art Volkssport der Deutschen gemacht. Der alljährliche Verzicht ist ein Minimalkonsens, auf den sich fast alle einigen können: an Fettpölsterchen leidende Frauen, Ernährungsbewusste, Gesundheitsfanatiker, Esoteriker, spirituelle Erfahrungen Suchende bis hin zu streng Gläubigen.

Protestanten müssten angesichts solcher Vielfalt frohlocken. Die evangelische Freiheit von Vorschriften samt angedrohter Strafen ist zur allgemeinen Tatsache geworden. Da riskierten die Reformatoren in Zürich noch Kopf und Kragen, als sie sich 1522 im Haus des Buchdruckers Christoph Froschauer zu einem demonstrativen Wurstessen in der Fastenzeit trafen. Was Huldrych Zwingli damals am Fa­sten störte: Dass Tag und Stunde dafür festgelegt wurden wie ein göttliches Gebot.

Ganz frei scheinen wir davon noch immer nicht, mutmaßt Klaus Vesting, reformierter Pfarrer in Dresden: »Wir könnten zu jeder Zeit des Jahres fasten. Warum dann ausgerechnet in der Passionszeit?«, fragt er. Wird die kleine individuelle Selbstkasteiung damit nicht doch wieder mit dem großen Leiden Christi verknüpft? Ihr ein höherer, religiöser Sinn verliehen?

Erfahrene Fastenleiterinnen wie Regina Tronicke hören von guten Erfahrungen: »Die Leute träumen mehr und intensiver. Man wird empfindlicher.« Günstige körperlich-seelische Bedingungen, um sich für das Göttliche zu öffnen, sollte man meinen.

Doch das hält Harald Lamprecht, Weltanschauungsbeauftragter der sächsischen Landeskirche, für zu kurz geschlossen: »Dass man im Hungerstoffwechsel in einen überwachen Zustand gerät, mag ja sein. Das sind psychische Effekte. Die führen möglicherweise auch dazu, dass man anders auf sein Leben schaut. Das hat aber mit Religion nichts zu tun.«

Zu fragen wäre also: Will einer, der fastet, tatsächlich nur seinem Körper etwas Gutes tun? Oder erhofft er unausgesprochen höheren Lohn für sein bisschen Selbstquälerei? Das, so lehren die Reformatoren, wäre vergebens. Die Augsburger Konfession hat es schon 1530 auf den Punkt gebracht: »Deshalb soll kein notwendiger Gottesdienst daraus gemacht werden.« Wem nach wirklich guten Werken ist, der tue etwas für ein besseres Zusammenleben der Menschen, meint Pfarrer Vesting. »Mit Fasten helfe ich keinem.«

Tomas Gärtner

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