Frieden ist möglich

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Afghanistan, Syrien, Mali und jetzt Nordkorea: Ist Frieden nur ein naiver Traum? Doch Jesus unterbrach die Gewalt – und wir können es auch.
 

Als sich die Kirchen der DDR in der Ökumenischen Versammlung 1988/89 auf eine »vorrangige Option für die Gewaltfreiheit« verpflichtet haben, war nicht zu ahnen, wie wichtig sie wenige Monate später werden würde. Wir wollen nicht vergessen: Es gibt keinen wirklichen Frieden zwischen Menschen und Völkern auf Kosten von Anderen; der Frieden ist eine Frucht der Gerechtigkeit und wir können uns seiner nur freuen, wenn die natürlichen Grundlagen unseres Lebens nicht zerstört werden.

Wie können wir heute die »vorrangige Option für die Gewaltfreiheit« verstehen? Ich möchte gewaltfreies Handeln als Unterbrechung verstehen. Jesus ist das Vorbild. Als er verhaftet wurde, griff Petrus zum Schwert. Jesus unterbricht ihn in ganz direktem Sinn: »Stecke dein Schwert an seinen Ort. Denn wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen.«

Friedensarbeit oder gewaltfreies Handeln ist die Unterbrechung eines herrschenden Trends, der potentiell gewaltträchtig ist. Dazu ein Beispiel: Es ist Weihnachtszeit des Jahres 1997 in Sarajevo. Damals fiel auch das jüdische Chanukka-Fest und das islamische Fastenfest in diese Zeit. Auf den Straßen verteilen junge Muslime Flugblätter mit der Schlagzeile: »Feiert nicht mit Christen und Juden ihre Feste, denn sie verbreiten über Allah Lügen!« Wir versuchen erfolglos, mit der muslimischen Jugendorganisation Kontakt aufzunehmen. Ein Jahr später – wieder in der Weihnachtszeit – reagiert unsere interreligiöse Vereinigung mit einem Aufruf zur Gastfreundschaft. Wir unterbrechen den fundamentalistischen Trend der religiösen Abgrenzung, indem wir an die in allen Religionen geheiligte Tradition der Gastfreundschaft erinnern und praktisch auch die Feste miteinander feiern.

Seit Gandhi wissen wir: Wenn das Ziel Frieden sein soll, dann muss auch der Weg Frieden sein. Das Mittel muss dem Ziel entsprechen. Darum bedarf es immer wieder eines Nachdenkens darüber, welche Mittel den Zielen angemessen sind. Nötig ist es, ein »Gewissen für die Mittel« (Christoph Hinz) zu entwickeln.

Auch wer sich für unbedingte Gewaltfreiheit entschieden hat, wird in seinem konkreten Handeln immer wieder mit der Frage nach den rechten Mitteln konfrontiert. Auch heute wird es entscheidend sein, dass Menschen bereit sind, ihrem Gewissen zu folgen.

Einige Fragen, um die es bei dieser Gewissensbildung geht: Welche Mittel sind angemessen, um die von mir angestrebten Ziele zu befördern? Welche Mittel schließe ich aus? Wie gehe ich mit meinem Gegenüber im Konflikt um? Will ich die gewünschte Veränderung gegen, ohne oder mit dem Gegner erreichen? Von Gandhi und Martin Luther King wissen wir, wie sehr es ihnen darum ging, mit ihrem Verzicht auf gewaltsame, verletzende Mittel das Gewissen des Anderen, auch des Gegners anzurühren.

Gewaltfreiheit ist aber nicht nur ein Mittel, es ist eine Haltung. Diese Haltung der Gewaltfreiheit kann beschrieben werden als »Macht der Liebe« (Gandhi) oder als »Gütekraft« (Martin Arnold).

Der jüdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas legt die Herausforderung zur Gewaltfreiheit in die Begegnung mit dem Anderen. Das Gebot »Du sollst nicht töten« bekomme seine zwingende Gestalt im Flehen des Antlitzes des Anderen: »Dem Anderen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, das bedeutet, nicht töten zu können. Dies ist zugleich die Situation der Rede.« Die Situation der Rede, in der die Gewalt ausgeschlossen ist, ist die Situation des Friedens.

Christof Ziemer

Christof Ziemer spielte als Dresdner Superintendent eine wichtige Rolle während der Friedlichen Revolution 1989 und arbeitete ab 1992 in der Friedensarbeit auf dem Balkan. Er lebt in Sarajevo.

www.gewaltfreihandeln.org

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