Lieb und teuer

Wenig Zeit, wenig Geld: Was die Gesellschaft den Pflegebedürftigen schuldig bleibt, gleichen Menschen wie Silke Schulze im diakonischen Altenzentrum Graupa aus. (Foto: Steffen Giersch)

Wenig Zeit, wenig Geld: Was die Gesellschaft den Pflegebedürftigen schuldig bleibt, gleichen Menschen wie Silke Schulze im diakonischen Altenzentrum Graupa aus. (Foto: Steffen Giersch)

Die Zahl der Pflege­bedürftigen wächst – doch es fehlt an Pflegern und an Geld. Den Preis dafür bezahlen Alte und Mit­arbeiter gleichermaßen.
 

Die Leipzigerin Annett Kleischmantat blickt Mitte März kämpferisch ins holzgetäfelte Rund des Deutschen Bundestages: »Über 100.000 Unterzeichner haben die Rahmenbedingungen des Pflegeversicherungsgesetzes satt!« So viele Unterschriften hat sie für den Petitionsausschuss gesammelt: Für mehr Pflegepersonal, mehr Hilfe für Demenzkranke und pflegende Angehörige.

Annett Kleischmantat, ehemals Heimleiterin und heute pflegende Tochter, zitiert das 3. Buch Mose: »Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott.«

Die grauen Häupter werden mehr, allein es fehlen Pfleger: In Sachsen soll sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um 46 Prozent erhöhen. Die Alten werden immer älter, die nachrückenden Generationen immer kleiner – und die wenigen Jungen müssen oft beruflich flexibel sein, anstatt zu pflegen.

Bis 2030 werden allein in Sachsen 30.400 neue Vollzeit-Pfleger gesucht, warnen die sächsischen Wohlfahrtsverbände. Schon heute können mehr als die Hälfte der Pflege-Leitungskräfte nach eigenen Angaben offene Stellen nicht besetzen – Pflegebedürftige müssen deshalb abgewiesen werden.

Es drohe ein Pflegenotstand, heißt es bei der Diakonie Sachsen.

Das liegt einerseits an der Bezahlung: 13,76 Euro brutto pro Stunde verdient eine Pflegekraft in Sachsen durchschnittlich, das sind 2,40 Euro weniger als im Bundesdurchschnitt. Träger wie die Diakonie setzen deshalb auf höhere Bezahlung, Ausbildung und Abwerbung von Personal durch gute Arbeitsverhältnissen – was die Decke anderswo kürzer macht.

Es liegt aber auch an der Arbeit selbst.

Altenpfleger mögen ihre Arbeit, doch 6,2 Prozent von ihnen fallen nach AOK-Berechnungen täglich aus – im Durchschnitt aller Branchen sind nur 4,8 Prozent pro Tag krank. Meist sind es langwierige Erkrankungen von Muskeln, Skelett und Psyche. Die Mitarbeiter merken am eigenen Rücken: Das System der Pflege knackt schon jetzt.

Letztlich liegt es am Geld.

Die landesweit festen Preise für die ambulante Pflege der Wohlfahrtsverbände deckten »höchstens die Selbstkosten«, sagt Ulrich Grundmann, Altenhilfe-Referent der Diakonie Sachsen. Die Zeit für menschliche Zuwendung wird immer knapper. Heime dagegen verhandeln aller ein oder zwei Jahre jedes für sich mit den Pflegekassen. Angesichts von steigenden Energiepreisen und Löhnen ist das ein hartes Feilschen.

»Wenn eine Einrichtung mehr Personal braucht, kann sie mit den Kassen einen besseren Personalschlüssel verhandeln. Doch da streitet man sich kaum in Sachsen«, kritisiert Diakonie-Experte Grundmann. Auch könnten sich Heime für höhere Pflegestufen ihrer Bewohner einsetzen, um mehr Geld für Personal zu bekommen. »Auch an dieser Stellschraube passiert relativ wenig«, so Grundmann. Die Löhne der Diakonie immerhin gehören zu den höchsten und ihre Heime zu den teuersten – für die Kassen, aber auch für die Pflegebedürftigen. Und dennoch haben sie Wartelisten.

In Zukunft braucht die Pflege viel mehr Arbeitskräfte, viel mehr ehrenamtliches und familiäres Engagement – und einen genaueren Maßstab dafür, wie viel Unterstützung etwa ein Mensch mit Demenz wirklich braucht.

All das kostet Geld. Viel Geld. Milliarden.

Man könnte die Versicherungsbeiträge anheben, private Gewinne und Kapitalerträge heranziehen (was Grüne und SPD wollen) oder private Zusatzversicherungen fördern (die Position der schwarz-gelben Koalition). Und pflegenden Familienangehörigen so wie jungen Eltern eine Auszeit vom Beruf ermöglichen. Doch all das ist nicht gerade billig für Steuerzahler und Unternehmer, deshalb scheut die Politik den großen Wurf. In einem Wahl-Jahr ist so etwas sowieso ohne Chance – oder gerade nicht?

Andreas Roth

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