Dem Tod den Marsch blasen

RadetzkyMarsch

Der Tod kann schrecklich sein. Nie gewöhnt man sich an ihn. Doch es gibt die Hoffnung auf das »himmlische Land«. Davon zu erzählen, ist ein österlicher Auftrag.
 

In dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war es Tradition, dass der Posaunenchor bei Beerdigungen aufspielte. Ich hatte bereits mit acht Jahren Trompete gelernt, und so war es für mich von klein auf nichts Ungewöhnliches, trauernden und traurigen Menschen zu begegnen. Wir haben alte Menschen, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnten, auf ihrem letzten Weg begleitet – und junge, die ihr Leben noch vor sich hatten.

Henning zum Beispiel, unseren Mitbläser: Krebstod mit 23. Oder Halvar: Autounfall mit 19. Und Bernd: von der Autobahnbrücke gesprungen, kurz nach der Geburt seines zweiten Kindes. Solche Beerdigungen waren nichts anderes als schrecklich.

Als wir wieder einmal niedergeschlagen unsere Instrumente einpackten, kam Opa Bernhard, mein Großvater, zu uns und sagte: »Ihr Jungen, an den Tod gewöhnt man sich nie …«

Man gewöhnt sich nicht an den Tod, auch wenn er zum Leben gehört wie in unserem Dorf, in dem damals noch zu Hause gestorben wurde. Meinen ersten Toten hatte ich gesehen, als ich fünf Jahre alt war. Es war mein Urgroßvater, der in einer feierlich geschmückten Stube im offenen Sarg aufgebahrt wurde. Die Nachbarn gingen ein und aus, um von ihm Abschied zu nehmen. Ich kann mich erinnern, dass die Leiche uns Kinder geradezu magisch anzog. Immer wieder stahlen wir uns ins Zimmer, um uns den Toten anzuschauen.

Später lernte ich, dass man das »fascinosum et tremendum« nennt: Etwas ist so heilig, so unfassbar, dass es zugleich fasziniert und erschüttert.

Opa Bernhard starb im Krankenhaus. Die Zeiten hatten sich in diesen gut zwei Jahrzehnten geändert. Allerdings gab es noch den Brauch, dass immer jemand an der Seite des Sterbenden saß. In der Nacht, in der Opa Bernhard aus dem Leben schied, war ich an der Reihe. Sein Tod war ein langsamer, friedlicher Übergang, ein ruhiges Einschlafen und Hinwegdämmern. Sehr unspektakulär – und doch auch für den inzwischen Erwachsenen wieder ein »fascinosum et tremendum«.

Aus den letzten Stunden mit Opa Bernhard ist mir in Erinnerung, dass er immer wieder mit den Fingern der linken Hand den Takt des Radetzky-Marsches trommelte: dada dam, dada dam, dada dam dam dam …

Opa Bernhard und ich waren eng verbunden – er war ein begnadeter Erzähler und ich hatte seit Kindheitstagen seinen Geschichten gelauscht. Ich wusste, dass er zwar dem alten Kaiser Wilhelm nachtrauerte, aber als Preuße mit der österreichischen Monarchie nun wirklich nichts am Hut hatte. Außerdem hörte er Choräle, aber nicht Johann Strauss. Warum er in seinen Sterbestunden den Radetzky-Marsch trommelte, bleibt mir ein Rätsel.

Opa Bernhard war ein tiefgläubiger Mensch, der in und mit der Bibel lebte. So war es keine Frage, dass auf seiner Beerdigung sein Lieblingslied gespielt wurde. Es beginnt mit den Worten: »Wenn nach der Erde Leid, Arbeit und Pein ich in die goldenen Gassen zieh ein …« Und dann wird die »Herrlichkeit« eines »himmlischen Landes« besungen, in dem die Freude »wie ein Fluss« alles überströmt und man nicht nur den »Heiland schauen« darf, sondern auch die Freunde wiedersieht, die man einst auf Erden geliebt.

Nein, an den Tod gewöhnt man sich nicht. Er ist und bleibt schrecklich. Aber, auch das habe ich Opa Bernhard zu verdanken: Es gibt eine Hoffnung, die stärker ist als Tod und Verzweiflung. Es ist die Hoffnung auf dieses himmlische Land mit einem Fluss voller Freude, an dessen Ufern sich die alten Freunde wiedersehen. Henning, Halvar, Bernd …

Und wenn es soweit ist, werde ich Opa Bernhard fragen, warum er ausgerechnet den Radetzky-Marsch getrommelt hat.

Uwe von Seltmann

Uwe von Seltmann ist Chefredakteur der Zeitschrift »Leben und Tod«.

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