Schlechter Hoffnung

schwangerschaft

Helfen anonyme Geburten Leben zu retten – oder schneiden sie Kinder von ihren Wurzeln ab? Auch ein neues Gesetz kann das Dilemma nicht lösen.
 

Manchmal ist das Leben alles andere als eindeutig. Wenn eine Mutter ihr Neugeborenes aussetzt oder gar tötet, dann ist die Frau Täterin – und Leidende. Auch die Hilfsangebote, die Mütter und Kinder vor einem solchen Drama bewahren wollen, sind nicht eindeutig. Die nicht selten von Christen initiierten Baby-Klappen und anonymen Geburten in Krankenhäusern bewegen sich rechtlich und moralisch auf heiklem Terrain.

Der Deutsche Ethikrat hat schon 2009 ein klares Urteil gesprochen: Babyklappen und anonyme Geburten in Krankenhäusern seien »ethisch und rechtlich sehr problematisch« und »sollten aufgegeben werden«. Zu groß sei die Verletzung des Grundrechts der Kinder auf das Wissen um seine biologischen Eltern, fand eine Mehrheit des Ethikrates, und zu unsicher seien die Erkenntnisse darüber, ob so wirklich Kindstötungen verhindert werden.

Dieser Nachweis ist in der Tat schwer zu führen. 360 Kinder wurden seit der Eröffnung der ersten Baby­klappe 2000 in Hamburg bis 2009 in den mittlerweile über 90 deutschen Angeboten mit Babyklappen und anonymen Geburten gezählt, fand eine Studie des Deutschen Jugendinstituts heraus. Seit den 1980er Jahren jedoch gibt es nach Erkenntnissen des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen keinen Rückgang der Zahl von Neugeborenen-Tötungen: 20 bis 35 Opfer seien es pro Jahr – hinzu komme jedoch eine kaum abschätzbare Zahl an verborgen gebliebenen Fällen.

Ganz anders die Ergebnisse einer neuen Untersuchung der Medizinischen Universität Wien. Seit der Einführung der anonymen Geburt in Öster­reich 2001 habe sich die Zahl der getöteten Neugeborenen mehr als halbiert, fand die Kinderpsychiaterin Claudia Klier heraus. Die Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hingegen ist nach Auswertung von Gerichts- und Polizeiakten über Täterinnen sketpisch: »Babyklappen und anonyme Geburt erfordern ein planvolles Handeln der Kindsmutter und eine aktive Auseinandersetzung mit der ungewollten Schwangerschaft«, konstatieren die Forscher. »Praktisch keine der Täterinnen wäre bei der Geburt in der Lage gewesen, die notwendigen Schritte zu unternehmen.« Zu lange haben sie das Kind verdrängt, so dass sie von ihm oft selbst überrascht werden.

Mit einem neuen Gesetz will nun die Bundesregierung einen Ausgleich zwischen den Interessen der Mütter und ihrer Kinder bringen. Ab 2014 soll es neben verbesserten Beratungsangeboten die Möglichkeit zu einer vertraulichen Geburt geben, beschloss das schwarz-gelbe Kabinett im März. Mütter werden dann legal ohne Namensangabe ihr Baby zur Welt bringen und zur Adoption freigeben können – allerdings müssen sie ihre Identität beim Bundesamt für Familie hinterlegen. Das Kind hat ab dem 16. Lebensjahr das Recht, den Namen seiner Mutter zu erfahren. Widerspricht die Mutter, muss ein Familiengericht entscheiden.

Anders als ursprünglich von Familienministerin Kristina Schröder (CDU) geplant und sicher nicht unbeeindruckt von der Parteinahme der Kirchen, werden Babyklappen und anonyme Geburten jedoch weiterhin geduldet. Die Grauzone bleibt. Aus dem Ethikrat und von Kinderschutzorganisationen setzt es dafür Kritik.

Der christliche Verein Kaleb in Dresden bietet indes schon lange anonym gebärenden Frauen an, ihre Namen in einem Brief bei einem Notar zu hinterlegen. Doch nur jede Fünfte wollte das auch. Kaleb-Sozialarbeiterin Carola Bockhacker hat von Müttern gehört: »Wir hätten uns nicht gemeldet, wenn wir etwas ausfüllen müssten.« Was dann mit ihnen und ihren Kindern passiert wäre? Eindeutig weiß das niemand zu sagen.

Andreas Roth

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