Vertrauen über Mauern

Hanna Einenkel (l.) und Monika Übigau: Die beiden 70-jährigen Frauen haben viel Zeit, Verständnis und Einfühlungsvermögen für jugendliche Straftäter in der JVA Dresden. Ziel ist deren Resozialisation. (Foto: Steffen Giersch)

Hanna Einenkel (l.) und Monika Übigau: Die beiden 70-jährigen Frauen haben viel Zeit, Verständnis und Einfühlungsvermögen für jugendliche Straftäter in der JVA Dresden. Ziel ist deren Resozialisation. (Foto: Steffen Giersch)

Hanna Einenkel und Monika Übigau betreuen als Ehrenamtliche Gefangene in Dresden.
 

Dieses Gespräch damals in der U-Haft mit jener Siebzehnjährigen, die ihr Kind getötet hatte – das werde sie nie vergessen, sagt Hanna Einenkel. »Wie hilflos dieses Mädchen war, das ist mir extrem nahegegangen.« Dass ihnen jemand zuhört und Hilfe anbietet, sei enorm wichtig für Gefangene. Das habe sie damals begriffen und sich gesagt: »Du musst dabei bleiben.«

Das war Anfang der neunziger Jahre. Und so wurde die heute Siebzigjährige, bis 2007 Chefsekretärin im Haus der Kirche/Dreikönigskirche, im Jahr 2001 Gründungsmitglied des Dresdner Vereins »Hammer-Weg«. Bis heute gehört sie zu den etwa 20 Ehrenamtlichen, die Gefangene in der Dresdner Justizvollzugsanstalt (JVA) am Hammerweg betreuen.

Warum sie das tue? »Jesus hat sich auch Menschen am Rande zugewendet«, antwortet sie. Dankbar wolle sie auch sein, dass sie durch ihre Eltern bessere Startbedingungen hatte als andere. »Ich möchte Jugendlichen helfen, die das nicht hatten, weil sie in katastrophalen Familienverhältnissen aufgewachsen sind.« Doch man dürfe seine Ziele nicht zu hoch stecken bei ehrenamtlicher Arbeit hinter den hohen Betonmauern der JVA. »Straftaten kann ich nicht verhindern. Was wir machen, gleicht einem Tropfen auf einen heißen Stein.« Vergeblich sei es dennoch nicht: »Wenn es uns nicht gäbe, würde es in punkto Resozialisierung bei den Gefangenen noch schlechter aussehen«, sagt Hanna Einenkel.

Gerade hier müsse jeder Ehrenamtliche für sich definieren, was er als Erfolg betrachtet, fügt Monika Übigau (70) hinzu. Die ehemalige Grundschullehrerin und Sozialbetreuerin kümmert sich ebenfalls um Gefangene. »Wenn man jemandem über den Tag geholfen hat oder Gesprächspartnerin war, das kann schon ein Erfolg sein«, sagt sie. Um so etwas auf Dauer tun zu können, brauche man aber auch die Fähigkeit, innerlich auf Distanz bleiben zu können. »Ich lasse die Probleme dort, wo sie sind. Belaste mich nicht damit, sondern helfe.« Ermutigen könne sie, Rat geben, welche Wege möglich sind. »Abnehmen aber kann ich sie ihnen nicht.«

Seit acht Jahren engagiert sie sich beim Projekt »Leuchtturm« des Vereins. Das will zumeist jungen Leuten, die das erste Mal in der U-Haft sitzen, Orientierung in der Dunkelheit des für sie völlig neuen Gefängnisalltags geben. Einmal in der Woche geht Monika Übigau in die JVA, schaut, wer neu ist. »Meist werden sie überraschend verhaftet«, erzählt sie. »Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation.« Über Familie und Wohnung redet sie mit ihnen, hört sich an, wie sie sich fühlen. »Ich zeige ihnen, dass ich sie als Menschen achte, aber nicht billige, was sie getan haben. Eine gute Tante bin ich nicht.«

Monika Übigau hat sich alles über den Alltag im Knast, die Rangordnung und die Sprache erzählen lassen. Auch ihre zehnjährige Erfahrung als Schöffin bei Gericht kommt ihr zugute. Worum es bei dem »Leuchtturm«-Projekt gehe: »Dass Ersttäter nicht in diesen unter den Häftlingen herrschenden Strukturen versinken.« Ziel sei letztlich Resozialisierung. Darin treffen sich die Interessen der beiden Ehrenamtlichen mit denen der Gefängnisleitung.

Tomas Gärtner

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