Soviel Politik du brauchst

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Probleme und Polit­prominenz bestimmen den Hamburger Kirchentag vom 1. bis 5. Mai – das eigentlich Provokante des christlichen Glaubens spielt kaum eine Rolle.
 

Was braucht ein Kirchentag? Als vor zwei Jahren die versammelte evangelische Prominenz Journalisten das Programm des Dresdner Kirchentages vorstellte, war die Antwort klar: Ganz viel Politik, ganz viel guter Wille. Die Worte Jesus oder Gott aber tauchten nicht auf – oder waren zumindest so leise gesprochen, dass sie keinem weiter auffielen. Vielleicht sollten sie auch nicht weiter stören.

Nein, auch der Hamburger Kirchentag wird alles andere als gottlos sein. Gar auf der Reeperbahn wird Gottesdienst gefeiert. Dazu Bibelarbeiten, Feierabendmahle, Nachtgebete, viel Gotteslob in Blech und Gesang.

Doch im Herzen des Kirchentages, auf den Podien und in den Diskussionsrunden, fragen nur wenige Themen im Titel nach Spiritualität oder Glauben – von Gott nicht zu reden.

Viel lauter ist die Suche nach einem »guten Leben« ohne Armut und Ausbeutung, nach mehr Demokratie und weniger Schnäppchenjagd. Tatsächlich war nach den Worten der Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär die Frage nach einer »Ökonomie des Genug« der Ausgangspunkt für die Wahl der Hamburger Losung: »Soviel du brauchst« – frei nach 2. Mose 16,18.

Viel lauter als Andachten und Gebete wird auch all die Politprominenz sein, die sich zum Evangelischen Kirchentag traditionell die Klinke in die Hand gibt. Von Bundespräsident Gauck bis zu – es ist schließlich Wahljahr – SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück. Der Kirchentag zählt zu den angenehmen Politikerterminen. In Dresden beispielsweise durfte man etwas über eine Wirtschaft ohne Wachstum philosophieren – und im Berliner Tagesgeschäft gleich wieder vergessen. Vielleicht mit einem melancholischen Lächeln: Es war halt Kirchentag.

So franst das größte Treffen der Protestanten allmählich aus. Sie protestieren hier und da ein wenig, doch ihren Themen fehlt die Durchschlagskraft. Und schlimmer noch: Ihr Kern wird – zumindest in der Öffentlichkeit – immer unsichtbarer.

Der Kirchentag bündelt damit wie im Brennglas das Dilemma der evangelischen Kirche. Das Dickicht der großen Probleme dieser Welt, die offenbar samt und sonders auf einem Kirchentag verhandelt werden müssen, und das unablässige Reden darüber verdecken den brennenden Dornbusch des Glaubens: Dieser allem Verstehen, Diskutieren und Machen entzogene Gott – der die Welt geschaffen hat und ihre Verletzungen heilen will. Podien sind kein Platz für ihn.

Die Stärke des Protestantismus ist seine Schwäche, der Kirchentag zeigt beide. Der Protestantismus macht ernst damit, dass Gott sich ganz der Welt hingibt. Mit vollem Risiko. Nicht in den heiligen Welten des religiösen Budenzaubers sei er zu finden, ließ Gott die Propheten des Alten Testaments ausrichten, sondern dort, wo Liebe zu ihm zur Liebe für die Leidenden wird. In Jesus Christus ging Gott diesen Weg konsequent weiter, bis in den Tod. Glaube ist immer konkret, er zeigt sich in Weltverantwortung und Liebe – das haben die Kirchen der Reformation wieder neu entdeckt. Der Kirchentag steht dafür. Das ist eine Stärke.

Die Schwäche daran: Leicht ist dabei die Grenze zu einem »Götzendienst des Sozialen« überschritten, wie es der Berliner Medienwissenschafts-Professor Norbert Bolz am Kirchentag kritisiert. Wer in Programmen und Manifesten denkt, kann Gott leicht aus dem Blick verlieren.

Es geht nicht um geistlichen Biedermeier. Es geht um den Mut, etwas wirklich Provokantes zu sagen: Von dem zu jeder Zeit unzeitgemäßen Gott zu sprechen, von Sünde – und von der Möglichkeit, Sünde zu überwinden. Im Großen wie im Kleinen. Vielleicht nützt das auch den Leidenden dieser Welt mehr als manche gut gemeinte Resolution. Sie brauchen mehr, als der Kirchentag für möglich hält.

Andreas Roth

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