Die Hose der Gerechtigkeit

denimIch habe es ja versucht, wirklich. Mal ernst machen mit all den Appellen, Predigten und Leitartikeln, auch den selbstgeschriebenen: Mit meinen Beinkleidern die Welt retten. Oder besser: In der Welt wenigstens nicht so viel Schaden anzurichten beim Hosenkauf.

Die Tagesaufgabe war: Jeans finden ohne Näherinnen mit 20-Euro-Monatslohn, ohne Kinderarbeit, ohne Behandlung in hochgiftigen Sandstrahlereien, ohne Fabriken, die einstürzen. Und über 300 Arbeiter unter sich begraben, wie am Mittwoch vergangener Woche in Bangladesch.

Man muss nur wollen. Schon der Gedanke daran macht die Welt ein bisschen besser. Die Welt in meinem Kopf.

Vor ein paar Wochen habe ich mit der Suche begonnen. Ich bin ja kein Neuling und weiß: Man muss mittlerweile nicht mehr Liebhaber von Kartoffelsäcken sein, um ethisch korrekte Kleidung aufzutragen. Kleinen Läden im Internet sei dank. Gut, es kostet einige Euros mehr. Aber man gibt ja für weitaus Überflüssigeres ordentlich Geld aus.

Das Problem kam aus unerwarteter Richtung: Schon rein virtuell wollte mir keine Moral-Jeans passen. Zu kurz, zu weit, zu karottig. Zu wenig Angebot gibt es bisher und zu wenige Anbieter. Auch zu wenig Käufer. In dem Moment war ich bereit, bis zum Äußersten zu gehen: hauteng geschnitten die Hose, dafür mit moralischem Mehrwert. Leider: zu hauteng.

Moralisch ist das auch angreifbar.

Über Wochen ging das so. Als die Fabrik in Bangladesch einstürzte, fragten mich meine Kinder: Und, können wir nichts dagegen tun? Naja, murmelte ich, Augen auf beim Jeans-Kauf. Auf meiner Neuen steht jetzt wieder »Made in Bangladesh«. Der Körper zwingt das Gewissen nieder. Aber das muss ja nicht so bleiben.

Andreas Roth

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