Keine Angst vorm Stuhlkreis

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Hauskreise sind stille Riesen in der Gemeinde: klein – aber mit großer Wirkung. Denn in ihnen wird das Priestertum aller Gläubigen zum Ernstfall.
 

Seit einigen Jahrzehnten sind in vielen Kirchgemeinden Hauskreise entstanden. Sie bilden eine oft fehlende Brücke zwischen dem Einzelnen und der häufig eher anonymen Gesamtgemeinde.

In der Regel handelt es sich dabei um kleine Gemeinschaften von bis zu zwölf Menschen, die sich regelmäßig in der Wohnung eines der Teilnehmenden treffen, um über Glaubens- und Lebensfragen zu sprechen. Im Mittelpunkt des Treffens, das von einem engagierten Gemeindeglied geleitet wird, steht meist ein Bibeltext. Hauskreise sind keine Erfindung der Neuzeit! Ihre Wurzeln liegen bereits in der frühen Christenheit. In der Apostelgeschichte heißt es, dass sich die Mitglieder der Jerusalemer Urgemeinde in ihren Häusern zur Feier des Abendmahls versammelten. Martin Luther schwebte eine Erneuerung der Kirche mit Hilfe von Hauskreisen vor. In der Vorrede zu seiner »Deutschen Messe« schrieb er, dass sich Menschen, die mit Ernst Christen sein wollten, hin und her in den Häusern versammeln sollten, um Gottesdienst zu feiern, aneinander Seelsorge zu üben und den Alltag miteinander zu teilen.

Luther selbst aber verzichtete auf die Einrichtung solcher Hauskreise, weil er meinte, dass die Gemeindeglieder dazu noch nicht bereit wären.

Erst im Pietismus kam es zur Gründung der collegia pietatis, der Bibelbesprechstunden. Auch wenn die Hauskreise im Verlauf der Geschichte sehr unterschiedlich aussahen und sich nicht ohne weiteres mit den heutigen vergleichen lassen, gibt es dennoch Gemeinsamkeiten.

Dabei waren Hauskreise von Anfang an nicht unumstritten. In neuerer Zeit wird ihnen vorgeworfen, dass sie elitäre Cliquen von Leuten seien, die sich ausschließlich um ihr persönliches Seelenheil kümmerten. Für die Nöte der Gesellschaft hätten sie kein Gespür. Überdies begünstigten sie die Trennung ihrer Mitglieder von der Ortsgemeinde. Sind diese Vorwürfe berechtigt?

Ich will nicht bestreiten, dass sie auf manche Hauskreise zutreffen. Empirische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die weit überwiegende Anzahl von Pfarrern und Gemeindegliedern Hauskreise als wichtigen Baustein der Gemeindearbeit betrachten.
Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich. Die Reformatoren haben das sogenannte allgemeine Priester­tum wieder entdeckt. Allerdings wurde es in der evangelischen Kirche kaum praktisch umgesetzt.

Hauskreise stellen ein Übungsfeld dafür dar: Hier können Laien lernen, theologisch sprachfähig zu werden und geistliche Verantwortung für andere zu übernehmen. Das gilt nicht nur für die Hauskreisleiter, sondern für alle Teilnehmenden.

Evangelisches Christsein wurde lange Zeit mit Individualismus, Subjektivismus und Innerlichkeit gleichgesetzt. Die Bedeutung der Gemeinschaft für den gelebten Glauben wurde unterschätzt. Die christliche Gemeinde ist ein »Ökosystem der Fürsorge und Erneuerung«, so der amerikanische Theologe James W. Fowler. Damit das keine bloße Wunschvorstellung bleibt, ist der Aufbau tragfähiger sozialer Beziehungsnetze in der Gemeinde nötig. Hauskreise gehören dazu.

Angesichts des Abbaus der Bedeutung von Familie, Nachbarschaft und Freundschaften wird die seelsorgerliche Dimension der Gemeinde immer wichtiger. Das Bedürfnis nach vertrauensvoller Aussprache wächst. Hauptamtliche Seelsorger kommen zeit- und kräftemäßig schnell an ihre Grenzen. Wenn die Atmosphäre der Hauskreise von Liebe und Humor geprägt ist, kann zwischen den Mitgliedern Vertrauen wachsen und in ihnen ein Stück weit die seelsorgerliche Gemeinde Wirklichkeit werden.

Peter Zimmerling

Peter Zimmerling ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.
Mehr zum Thema in DER SONNTAG, Ausgabe 18/2013.

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