Sonne und Gerechtigkeit

Soviel Begeisterung du brauchst: Kirchentagsbesucherinnen applaudieren nach einer Bibelarbeit von Margot Käßmann, die sie in einer Messehalle vor 9000 Menschen hielt. (Foto: Steffen Giersch)

Soviel Begeisterung du brauchst: Kirchentagsbesucherinnen applaudieren nach einer Bibelarbeit von Margot Käßmann, die sie in einer Messehalle vor 9000 Menschen hielt. (Foto: Steffen Giersch)

Der Kirchentag in Hamburg war ein buntes Glaubensfest mit einer Botschaft: Eine andere Welt ist möglich. Weltverantwortung und Lebensfreude gingen dabei Hand in Hand.
 

Dieser Kirchentag war ein Fest. Wer während des am Sonntag zu Ende gegangenen Protestantentreffens durch Hamburg lief, musste sich an Goethes Osterspaziergang erinnert fühlen: Allerorten drang aus den Straßen und Gassen ein buntes Gewimmel hervor – den blauen Kirchentagsschal fesch um Hals, Kopf oder Hüfte gebunden. Es zeigt sich: Christsein geht auch fröhlich, leichtfüßig und gutaussehend.

Überall regte sich Bildung und Streben. In rund 2500 Vorträgen, Bibelarbeiten und Podiumsgesprächen wird gründlich über Gott und die Welt nachgedacht – ein wenig mehr über die Welt als über Gott. Eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten, bedingungsloses Grundeinkommen, faire Entlohnung fordern die Redner. »Wenn ein Mensch hat, was er braucht, dann hat er genug«, predigt der britische Bischof Nicholas Baines im Abschlussgottesdienst und ermutigt zu einem bescheideneren Lebensstil.

Und über allem schien die Sonne so gnädig und beständig, dass eine Hamburger Tageszeitung titelte: »Petrus ist Protestant«.

Doch die Sonne hielt die Teilnehmer nicht davon ab, zu den Bibelarbeiten und Vorträgen in die Kirchen und Messehallen der Stadt zu strömen. Der Protestant ist diszipliniert und arbeitet das zentimeterdicke Programmheft ab.

Dennoch wird das Kirchentagsmotto »Soviel du brauchst« nicht nur auf intellektuelle Kost bezogen. Vielerorts geht die ernsthafte Nachdenklichkeit der Vorträge nahtlos über in ein entspanntes Sonnenbad, eine fröhliche Straßenmusik oder neugieriges Menschenbeobachten.

Als die Popgruppe »Wise Guys« die Kirchentagsbühne betritt, gibt es kein Halten: Der Protestant vergisst seine Disziplin und gönnt sich eine gehörige Portion Lust und Lebensfreude, Gesang und Tanz. Es ist, als hätte Goethe tatsächlich den Osterspaziergang für Hamburg geschrieben: »Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.«

Für kurze Zeit wird in diesen Hamburger Tagen der Glauben genährt, eine andere Welt sei möglich. Eine Welt, in der alle Platz haben und in der genug für alle da ist. Man lebt in einfachen Gemeinschaftsquartieren, trinkt das kostenlos ausgeschenkte Hamburger Trinkwasser und den fair gehandelten Kaffee, drängelt sich nicht vor, sondern beginnt eine Unterhaltung mit dem Menschen neben sich in der Warteschlange.

Man erlebt eine große Menge Menschen, die nach anderen Werten streben als dem günstigsten Schnäppchen und dem höchsten Profit. Jene tauchen auf aus der sonst grauen Masse. Die Vielen, die noch nicht bequem geworden sind und nur das eigene Glück suchen. Der blaue Kirchentagsschal macht sie sichtbar. »Die Welt muss nicht so sein, wie sie jetzt ist«, ruft Bischof Baines. Und die 130.000 Gottesdienst-Teilnehmer antworten mit dem Lied »Sonne der Gerechtigkeit gehe auf zu unsrer Zeit.«

Fünf sonnige Tage lang erscheint die Zukunft nicht mehr düster, sondern hoffnungsvoll. Kluge Köpfe sprechen von Finanzmarktbegrenzung und dem Loslassen von Besitz. Kirchentags-Resolutionen fordern die Begrenzung von Rüstungsexporten aus Deutschland und die Energiewende. An Rezepten zur Weltverbesserung mangelt es nicht. Der Kopf brummt, das Herz bebt.

Doch nun ist das Fest vorbei. Auch der letzte Kirchentagskahn hat sich aus dem Hamburger Hafen entfernt. Wieder ist man allein mit der Nachrichtenlage und den Kompromissen des Alltags. Wieder wird man als »Gutmensch« belächelt, wenn man eine andere Welt für möglich hält.

Aber vielleicht sind es nicht die Appelle, sondern das Singen und Tanzen, die fröhliche Gelassenheit der Glaubenden unter Gottes gnädiger Sonne, das die Kraft zum Durchhalten – und zur Weltveränderung – gibt.

Stefan Seidel

Mehr zum Thema in DER SONNTAG Nr. 19/2013, Seite 2, 3, 5 und 11.

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