Kein eiliger Geist

pfingsten

Im Hamsterrad des Alltags bleibt es eine Aufgabe: Geistig nicht abzustumpfen. Jesus kann dabei helfen. Er ist ein Vorbild für geistesgegenwärtiges und gelassenes Leben.

Eine Betrachtung zum Pfingstfest.

Ich erinnere mich an einen Vortrag des damals 100-jährigen Philosophen Hans-Georg Gadamer im Rahmen einer Universitätsfeier. Ein gebückter Greis hält sich fest am Pult, das Stehen und Reden fällt ihm schwer. Doch da ist das Blitzen seiner hellen, klugen Augen. Sie durchbrechen den ganzen akademischen Zwang der Veranstaltung. Sie sprechen von Witz und Gelassenheit, von Weite und Liebe und davon, nicht alles im Leben so ernst zu nehmen. Diese Botschaft bereicherte mich mehr als manche Vor­lesungsreihe.

Und da ist ein anderer, altgewordener und leidgeprüfter Mann, dem ich einmal in einem Gemeindekreis begegnete. Er war ein einfacher Arbeiter, treu und fest glaubend, bescheiden und  mit seinen 90 Jahren hellwach. Auf die Frage, worauf es im christlichen Glauben ankomme, antwortete er kurz und knapp: Dass  man nicht nur an sich selbst denkt. Auch dies blieb bei mir hängen. Ebenso wie seine Selbstironie, die Gebrechen und Verluste seines Alters zu ertragen.

Ich denke heute: Aus diesen Menschen strahlte der Heilige Geist. So stelle ich mir auch Jesus vor – als einen solchen Mann mit Charisma. Seine Ausstrahlung berührte die Menschen, brachte sie in innere Bewegung.

Da ist der Hauptmann von Kapernaum, der kurz nach seiner Zusammenkunft mit Jesus sagen kann: »Sprich nur ein Wort und mein Knecht wird gesund.« Oder da ist jene an Blutfluss erkrankte Frau, die angesichts der bloßen Anwesenheit des Mannes aus Nazareth sagt: »Wenn ich nur den Saum seines Gewandes berühren könnte, so würde ich gesund.«

Kein Zweifel: Jesus wirkte auf unerklärliche Weise durch seine bloße Anwesenheit, durch seine Art, in der Welt zu sein. Allein seine Präsenz löste bei Menschen in Not manche Blockade.

Das Pfingstfest besagt: In jedem von uns schlummert dieses gewisse Etwas, dieses Charisma – auch wenn man sich selbst nicht für einen Menschen mit besonderer Ausstrahlung hält und ehrfürchtig zu den sogenannten charismatischen Persönlichkeiten aufschaut.

»Dein Glaube hat dir geholfen«, sagt Jesus zur blutflüssigen Frau. Geistesgegenwärtig kann jeder sein. So sagen wir es im Alltag: Wenn jemand im richtigen Augenblick das Richtige tut, dann handelt er geistesgegenwärtig. Wenn einer einem Menschen in Gefahr beispringt, das Gebot der Stunde erkennt – dann ist er geistesgegenwärtig. Welch schönes Wort, welch schöner Zustand.  

Doch wie kommt man dahin? Jesus zog sich immer wieder zurück an einen einsamen Ort, in die Stille. Er lässt los das Geschwätz und Geplärr des alltäglichen Trubels, die Meinungen anderer, die Termine. Und er kehrt gelassen und geisterfüllt zurück, heilt, erkennt die Schritte, die gegangen werden müssen und geht sie.

Der Weg zur Geistesgegenwart führt über die Gelassenheit. Und die kann geübt werden: durch Loslassen. Zum Beispiel an Sonntagen, im Loslassen des geschäftigen Treibens. Oder in der Fastenzeit, im Loslassen der Süchte. Auch aus dem bewussten Innehalten bei Lebensübergängen, einem bewussten Loslassen des Gewesenen, kann man gelassen hervorgehen.

Es ist aber auch der Sport, der Kunstgenuss, das Bier mit Freunden, das Atempausen schafft in einem Leben, das vielen fremden Ansprüchen gerecht werden muss. Kleine Zeiten für sich, bewusste Aktivitäten jenseits der Pflicht helfen dabei, geistig nicht abzustumpfen, wie man sagt. Vielleicht ist man dabei dem Heiligen Geist näher als man denkt.

»Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht«, betet die französische Mystikerin Madeleine Delbrêl, »wir vergessen, dass es in deinen Armen getanzt sein will.« Der Heilige Geist, das ist das gewisse Etwas in uns, das gehegt und gepflegt werden will.

Stefan Seidel

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