Die Kirche kuschte


Der Aufstand vor 60 Jahren ist keine Heldengeschichte für die Kirche.
 
Am 17. Juni 1953 erstickten sowjetische Panzer nicht nur in Berlin (oben) den Aufstand gegen die SED-Diktatur. Auch vor dem Leipziger Hauptbahnhof (unten) demonstrierten Arbeiter. (Repros: Steffen Giersch)

Am 17. Juni 1953 erstickten sowjetische Panzer nicht nur in Berlin (oben) den Aufstand gegen die SED-Diktatur. Auch vor dem Leipziger Hauptbahnhof (unten) demonstrierten Arbeiter. (Repros: Steffen Giersch)

Am 17. Juni 1953 erhob sich das Volk gegen die kommunistische Diktatur, darunter auch Christen – doch Pfarrer und Bischöfe unterstützen den Aufstand nicht.
 

Als am die Panzer auf Ostdeutschlands Straßen auffuhren und auf Demonstranten schossen, war die sächsische Landeskirche mit sich beschäftigt. Drei Wahlgänge und viele Diskussionen brauchte sie, bis mit knapper Mehrheit Gottfried Noth zum neuen Bischof gekürt war. Draußen auf den Straßen boten Arbeiter und viele junge Christen der Diktatur die Stirn. Die Leitung ihrer Kirche aber blieb still.

Dabei waren die Fronten eigentlich klar. Seit 1952 hatte die SED ihren Kurs gegen die Kirchen verschärft: Staatliche Zuschüsse wurden gekürzt, kirchliche Krankenhäuser und Heime enteignet, rund 3000 Mitglieder von Jungen Gemeinden flogen von Schulen. Etliche kirchliche Mitarbeiter wurden verhaftet. In ihrer Not wandten sich die Kirchenleitungen im April 1953 an die sowjetische Besatzungsmacht. Das Wunder geschah: Weil in Moskau nach Stalins Tod ein Machtkampf loderte und die Beunruhigung über den schwindenden Rückhalt des DDR-Regimes stieg, zwangen die Sowjets ihre ostdeutschen Genossen Anfang Juni zu einem radikalen Kurswechsel. Die Rücknahme der Repressionen verkaufte die SED als großzügiges Entgegenkommen.

Froh und dankbar darüber verschlug es den Kirchen die Sprache, als am 17. Juni Arbeiter zu streiken und zu demonstrieren begannen – denn deren Ärger über die Erhöhung der Arbeitsnormen war beim Schwenk der SED unerhört geblieben. Am folgenden Morgen rief der staatliche In­strukteur für Kirchenfragen im Dresdner Landeskirchenamt an und bat klarzustellen, dass es sich bei Demonstranten, die das Kugelkreuz als Symbol der Jungen Gemeinden trugen, »um unlautere Elemente handelt«.

Daraufhin wiesen der gerade knapp gewählte neue Landesbischof Noth und das Landeskirchenamt die Pfarrer an, »alle Christen der Landeskirche zu Ruhe und Ordnung aufzufordern und sich von den Demonstrationen fernzuhalten. Vor allem aber sollte das Kugelkreuz nicht als Herausforderung getragen werden.« Die Geistlichen wurden zudem aufgefordert, in den Gottesdiensten des kommenden Sonntags im Geiste des neuen gütlichen Miteinanders von Kirche und Staat »auf die Christen einzuwirken«.

Unter den Demonstranten des 17. Junis in Dresden fanden sich »auffallend viele Kugelkreuzler«, meldeten staatliche Stellen. In Leipzig sollen gar Jugendliche mit dem Abzeichen der Jungen Gemeinde am Überfall auf das Gebäude der FDJ-Bezirksleitung beteiligt gewesen sein, wie ein Bericht der SED-Bezirksleitung vermerkt. Der Leipziger Studentenpfarrer Fehlberg bestreitet das kurz darauf.

Die Pfarrer hielten sich am 17. Juni in der gesamten DDR auffallend zurück. Einige übten Widerstand gegen den Kuschelkurs zwischen Staat und Kirche, indem sie wie Pfarrer Kühn in Leipzig-Plagwitz nicht jenes Schreiben im Gottesdienst verlasen, das EKD und SED als Dank für das staatliche Entgegenkommen vereinbart hatten.

Angesichts vieler Verhaftungen auch von Christen und Geistlichen sah sich die Konferenz der ostdeutschen EKD-Landesbischöfe am 24. Juni genötigt, in einem Brief an den Hohen Kommissar der Sowjetunion in Deutschland, Wladimir Semjonow, um ein Ende der Verhaftungswelle zu bitten. Erstmals fanden sie hier klare Worte: »Wir wollen nicht verhehlen, dass wir als evangelische Christen für die Anliegen der Arbeiterschaft, wie sie am 17. Juni zutage getreten sind, ein tiefes menschliches Verstehen haben.«

Als der Hohe Kommissar der Sowjet­union dieses Schreiben erhält, hat er seinen Bericht über den Arbeiteraufstand gerade nach Moskau abgeschickt. »Am Sonntag wurden in vielen Kirchen der DDR pastorale Botschaften verlesen, welche Unterwerfung und Gehorsam gegenüber der Obrigkeit forderten«, schreibt er darin. »Das loyale Verhalten der evangelischen und katholischen Kirchen während des Aufruhrs verdient Aufmerksamkeit.«

Andreas Roth

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