Nach den Brötchen kam die Flut


Die Bäckerei Marticke in Colditz ist vom Hochwasser betroffen – doch sie bäckt weiter.

Bäcker Rudolf Marticke und sein Sohn Steffen wollen ihr Geschäft nach dem Hochwasser in Colditz nicht aufgeben. Ein Transparent am Haus soll gegen anderslautende Gerüchte in der Stadt helfen. (Foto: Jan Adler)

Bäcker Rudolf Marticke und sein Sohn Steffen wollen ihr Geschäft nach dem Hochwasser in Colditz nicht aufgeben. Ein Transparent am Haus soll gegen anderslautende Gerüchte in der Stadt helfen. (Foto: Jan Adler)

Am Sonntag im Gottesdienst hat sich Rudolf Marticke eine Last von der Seele gesprochen: Die dramatischen Erfahrungen mit und nach dem Hochwasser in seiner Bäckerei in Colditz. Und er widersprach einem Gerücht, das in der Stadt die Runde macht: »Der Marticke gibt auf!«

Nein, an aufgeben habe er nicht gedacht, sagt der 56-Jährige. Auch wenn sein Laden direkt an der Zwickauer Mulde meterhoch überschwemmt worden ist. »Wir können doch nicht alle wegen der Flut hier weggehen, dann würde Colditz leer werden«, sagt Marticke ernst. »Wir müssen lernen, mit dem Hochwasser umzugehen.«

Und das hat er: Schon vor elf Jahren ergoss sich beim Jahrhunderthochwasser der Muldeschlamm in seine Bäckerei. Damals seien es etwa 30 Zentimeter weniger gewesen als jetzt. Ein Schaden von etwa 600.000 Euro. Nach der Flut habe er den Keller zubetoniert, im Erdgeschoss gefliest. Diesmal, nachdem Freunde ihm beim Ausräumen des Erdgeschosses geholfen haben, wolle er auch auf Holzverkleidung verzichten. Die neue Verkaufstheke werde aus Edelstahl sein, sagt der Bäcker. Doch alles sei eben nicht zu retten, zeigt Marticke auf die großen Backöfen, die gerade vom Elektriker inspiziert werden. »Im nächsten Jahr hätte ich meinen Kredit von 2002 abbezahlt«, sagt der Familienvater und atmet tief durch. Für den Flutmontag war ein Termin beim Notar vorgesehen, um die Nachfolge im Geschäft an seinen Sohn Steffen zu regeln. Der gelernte Koch betreibt eine Fleischerei im Bäckereiladen und bietet Essenversorgung an. Doch mit Notar und Rechtsanwalt wurde nichts. Das Wasser kam ihnen zuvor.

Dass es diesmal so schlimm kommt, habe niemand geahnt, meint Marticke. »Wir haben am Sonntag früh noch 5.000 Brötchen gebacken und verkauft«, erinnert er sich. Da sei die Warnung gekommen: Wasserstand bis 5,20 Meter. »Das hat uns ja nicht gestört. Das halten wir aus«, sagt Rudolf Marticke, der seit 1985 das Geschäft betreibt. »Aber dann kamen zwei Meter mehr.«

Marticke hält inne, während die Trockengebläse im Haus weiter brummen. Draußen in der Badergasse pumpt die Feuerwehr auch eine Woche nach der Flut noch Keller leer. »Vielleicht hätten wir nicht backen, sondern unser Zeug in Sicherheit bringen sollen«, überlegt er. »Aber es heißt doch schon im Vaterunser: Unser täglich Brot gib uns heute«, sagt Marticke und sucht nach Bestätigung für sein Handeln.

»Ja, es muss weitergehen«, sagt der Bäcker, »und wir machen weiter.« Dabei blickt er seine Frau an und beide drücken sich gegenseitig fest die Hände, umarmen sich. Ein Transparent an der Hauswand trägt ihre frohe Botschaft deutlich zur Hauptstraße. Nicht nur für Martickes Kunden ein wichtiges Zeichen, sondern für die ganze Stadt.

Uwe Naumann

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