Das Gute als Flutgut

hochwasserDas schlammige Wasser der letzten Flut spülte nicht nur viel Müll und Zerstörung empor, sondern auch viel Edles: Fremde Menschen begannen, einander zu helfen – quer über Gartenzäune und Milieugrenzen hinweg. Das Hochwasser scheint unser pessimistisches Bild vom Menschen hinweggespült zu haben.

Jeder denkt nur an sich? Falsch. Theologie und Biologie sollten genau hinsehen, bevor sie das nächste Mal wieder von der Neigung des Menschen zu Sünde und Egoismus sprechen. Sie unterschätzen, wie viel Gutes der Schöpfer auch in seine Geschöpfe gelegt hat.

Die Flut – so paradox es angesichts des vielen Elends ist – hat es freigelegt.

Auch die Wissenschaft beginnt das neu zu entdecken. Glaubte sie lange, in der Evolution sei das Streben nach Eigennutz die eigentliche Triebkraft – was die Vordenker eines entfesselten Kapitalismus übrigens nur zu gern aufgriffen – legt einer der berühmtesten Biologen gerade eine Kehrtwende vor: Nächstenliebe und uneigennütziges Verhalten liegen ebenso tief in der Natur des Menschen, schreibt der amerikanische Professor Edward O. Wilson in seinem neuen Buch »Die soziale Eroberung der Erde«. Erst der Trieb, sich in Gruppen, Kulturen und Religionen zusammenzuschließen, ließ den Menschen demnach zum Menschen werden. Der Trieb zum Guten.

Am Wochenende grillte die Verkäuferin eines Dresdner Bio-Marktes vor ihrem Geschäft. Der Erlös, sagte sie den Passanten, komme einem überspülten Kindergarten zugute. »Das sagen sie alle«, erwiderten abschätzig zwei alte Frauen und gingen vorüber. Der Zweifel daran, dass es gut sein könnte, ist der erste Schritt weg vom Guten. Aber das ist eine andere Geschichte. In der Bibel steht sie ganz am Anfang.

Andreas Roth

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]