Trotz allem leben

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Eine Pfarrerin verliert ihr Kind. Und behält doch ihren Glauben. Am Johannistag predigt sie, dass der Tod mitten im Leben ist – und Gott viel Schönheit schenkt. Dem Tod zum Trotz.
 

So richtig zum Aufatmen kommt Pfarrerin Yvette Schwarze aus Trebsen bei Grimma in diesen Wochen nicht. Das Hochwasser spülte auch in ihren Gemeinden den Alltag weg, forderte alle Kräfte. »Diese Flutwoche hat mir wieder einmal gezeigt, wie zerbrechlich das Leben ist und wie schnell alles aus den Fugen geraten kann«, sagt die 39-jährige Pfarrerin.

Und kaum ist die erste Not der Flut­opfer gelindert, eilt die Seelsorgerin zu einem weiteren traurigen Termin: Ein Besuch bei jungen Eltern, die vor einem Jahr ihr Kind verloren haben. »Den Eltern aus meiner Region, deren Kind gestorben ist, schreibe ich eine Karte, um ihnen zu sagen: Ihr seid nicht allein«, erzählt Schwarze. Nicht selten ergibt sich daraus eine Trauerbegleitung über Jahre hinweg.

Yvette Schwarzes Trost wird geschätzt. Denn sie ist selbst durch das tiefe Tal der Tränen gegangen, das sich an den Tod eines Kindes anschließt.

Es war am 19. Juli 1999, als ihre knapp zweijährige Tochter Martha-Emilia durch einen tragischen Unglücksfall ums Leben kam. Die Gefahr war nicht abzusehen, sie brach unvermittelt herein. Eine direkte Schuld hatte keiner. Alle Hilfe kam zu spät. Seither liegt ein großer Schatten auf ihrem Leben. »Es ist furchtbar, wenn Eltern ihre Kinder hergeben müssen. Es ist immer vor der Zeit«, sagt sie. Und: »Unsere Welt ist voller Fragezeichen.«

Doch trotzdem ist Yvette Schwarze Pfarrerin geblieben. Trotzdem glaubt sie an den Gott, der mitgeht durch das Leben. »Ich habe mich festgehalten an der Maria, der Mutter Jesu, die auch eine verwaiste Mutter ist und ausgeharrt hat bis zuletzt«, erzählt sie. Es gibt sogar eine alte Skulptur in ihrer Kirche, die Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß zeigt. »Maria hält den toten Sohn Gott hin, das gibt mir Trost«, sagt Schwarze.

Immer noch steigen Tränen in ihre Augen, wenn sie von ihrer toten Tochter spricht. Wenn sie sich ausmalt, wie alt sie heute wäre und wie sie wohl sein würde. Noch immer wird jedes Jahr ihr Geburtstag gefeiert, mit Kuchen und der ganzen Familie. Martha-Emilia fehlt. An ihre Stelle ist ein großer, bleibender Schmerz getreten. Und ein leidgeprüfter Glauben. »Ich glaube nicht, dass ihr Tod irgendeinen Sinn hatte, aber ich glaube, dass Gott sie in seine Arme genommen hat, als sie kam«, sagt Pfarrerin Schwarze.

Es gibt ihr selbst Kraft, anderen von diesem Gott zu erzählen, bei dem der Tod nicht das Ende ist. Besonders der bevorstehende Johannistag ist ihr ein wichtiges Datum geworden. »Es ist gut, sich mitten im Leben, inmitten des Aufblühens der Natur an das Sterben zu erinnern, denn es gehört dazu«, sagt sie. In ihrer Andacht auf dem Friedhof wird sie sagen, dass jeder Tag bewusst zu leben sei. Und dass weniger gejammert und mehr gedankt werden sollte. Wie Johannes der Täufer sollten auch wir uns selbst nicht so wichtig nehmen und auf den Ewigen schauen: »Es geht darum zu erkennen, dass oft noch viel mehr da ist, das Gott gibt, als wir sehen«.

Sie selbst schaue zum Beispiel jeden Tag dankbar auf ihre anderen drei Kinder. »Ich freue mich, dass ich das Leben mit ihnen teilen kann«, sagt sie.

Auch von ihrer Hoffnung auf Auferstehung schweigt sie nicht. »Ich bin mir sicher, dass Martha-Emilia an einem guten Ort ist und wir uns einmal richtig kennenlernen werden.«

Es ist ihr Glaube, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Dass es auch nach einem Verlust weitergeht. Und so wird ihre Johannistagandacht auf dem Friedhof übergehen in einen festlichen Abend, mit Johannisfeuer, Bier und Grillwürsten. »Das ist kein bedrückender Tag«, sagt Yvette Schwarze und erzählt von ihrem Wunsch, dass auch verwaiste Eltern irgendwann wieder auf die Schönheit des Lebens – trotz allem – schauen können. Denn nicht nur das Sterben gehört zum Leben. Sondern auch, das Leben zu leben.

Stefan Seidel

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