Kirche ohne Kinder

Kinder sind seltener geworden im Gottesdienst. Auch in der Kirche Otterwisch bei Bad Lausick fällt es auf, wenn sie fehlen. Der Kindergottesdienst wurde schon eingestellt.	(Fotos: Jan Adler)

Kinder sind seltener geworden im Gottesdienst. Auch in der Kirche Otterwisch bei Bad Lausick fällt es auf, wenn sie fehlen. Der Kindergottesdienst wurde schon eingestellt. (Fotos: Jan Adler)

Familien mit Kindern besuchen immer seltener den Gottesdienst. Fühlen sie sich in der Kirche nicht willkommen?
 

Wenn Annegret Fischer mit ihren zwei kleinen Kindern sonntags vor der Kirchentür steht, hat sie ein ungutes Gefühl. »Ob die Kinder heute leise sind?«, fragt sie sich und befürchtet, mit Gregor und Albrecht den Gottesdienst zu stören. »Ob es mit ihnen auch im Kindergottesdienst klappt?« Dann tritt die Pfarrerin der Kirchgemeinde Marbach in Gottes Haus. Und sie versucht, von alt bis ganz jung allen gerecht zu werden. »Ich versuche, Raum für Kinder und Familien zu schaffen, ohne dass ein Konflikt entsteht«, beschreibt die Pfarrerin ihre Form familienfreundlicher Gottesdienste.

Dass die Konflikte mit Kindern weniger werden, liegt nicht nur an neuen Spielecken in Kirchen oder extra Räumen für kleine Kinder, wo deren Eltern den Gottesdienst über Lautsprecher oder auch Video verfolgen können. Konflikte mit Kindern in der Kirche werden vor allem auch seltener, weil Familien sonntags zunehmend zuhause bleiben. Auch die Kindergottesdienste gehen deshalb zurück.

Bis auf Ausnahmen werde diese Tendenz in allen Kirchenbezirken der sächsischen Landeskirche und darüber hinaus beobachtet, sagt Maria Salzmann vom Theologisch-Pädagogischen Institut Moritzburg. »Der Sonntag ist geschützte Familienzeit«, so die Studienleiterin. »Und die sonst arbeitenden Eltern wollen diese Zeit mit ihren Kindern verbringen.« Nur offenbar nicht im Gottesdienst.

Zusammen mit den Ephoralbeauftragten für Kindergottesdienste und dem zuständigen Referenten im Landeskirchenamt hat die Studienleiterin einen Fragebogen für Gemeinden entwickelt. Damit soll die Familienfreundlichkeit von Gottesdiensten überprüft werden. Seit etwa einem Jahr wird diese als Impuls gedachte Vorlage in Gemeinden genutzt: Vom erzgebirgischen Cranzahl über die Pauluskirchgemeinde Zwickau bis zur großstädtischen Marienkirchgemeinde Leipzig-Stötteritz gab es konkrete Umfragen.

Zwar ist die Situation in den Gemeinden nicht gleich, dafür aber sind es einige Wünsche, wie die Befragung zeigte: Eine besondere Begrüßung der Kinder im Gottesdienst sowie ein Lied, das auch Kinder mitsingen können. Und das Gefühl, dass Familien mit Kindern überhaupt willkommen sind.

»Mitunter gibt es in Kirchgemeinden keine oder eine kaum entwickelte Willkommenskultur für Familien mit kleinen Kindern«, hat Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz beobachtet. Der Dezernent für Kinder, Jugend, Bildung und Diakonie im sächsischen Landeskirchenamt in Dresden ist Vater von zwei kleinen Kindern. Er kennt ihr »Störpotenzial« bei Gottesdiensten allzu gut. »Der Gottesdienst lebt von Elementen der Ruhe. Unruhe ist für alle ein Problem«, sagt Pilz.

Grundsätzlich aber sei der Gottesdienst ein Ort, wo sich alle Generationen begegnen, meint der 43-Jährige. Dabei genieße der Kindergottesdienst zwar einen hohen Stellenwert. Doch ein familienfreundlicher Gottesdienst insgesamt gehe weit darüber hinaus. »Das berührt ganz verschiedene Bereiche, von liturgischen bis religionspädagogischen Aspekten«, so Pilz.
Maria Salzmann hat verschiedene Ideen: Sie möchte Familien aktiver in die Gottesdienstgestaltung einbinden  – denn wer beteiligt ist, komme auch in die Kirche. Außerdem komme eine etwas modernere Liedauswahl den Kindern entgegen, eine leichte Sprache in der Predigt oder auch eine Predigt, die zum Miteinander und Mitreden führt. »Die Predigt soll nicht billig werden«, warnt Salzmann. Denn auch den Erwachsenen müsse der Gottesdienst gerecht werden und dürfe nicht die treuen Kirchgänger vergraulen.

Was zu einem familienfreundlichen Gottesdienst beitragen kann, das hat die Arbeitsgruppe um Studienleiterin Maria Salzmann in einem kleinen Heft für die Kirchenbezirke zusammengetragen. Ob Familien dadurch wieder häufiger in den sonntäglichen Gottesdienst kommen, ist ungewiss. Aber wenn sie kommen, sollten sie das Gefühl haben, willkommen zu sein.

Uwe Naumann

Mehr zum Thema im SONNTAG 26/2013 auf Seite 3

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