Laut für Lothar

Mit Käsebroten, Rockmusik und roter Fahne für Lothar König: Vor dem Dresdner Gericht demonstrieren Mitglieder der Jenaer Jungen Gemeinde sowie Christen aus Thüringen und Sachsen für den Angeklagten. (Foto: Steffen Giersch)

Mit Käsebroten, Rockmusik und roter Fahne für Lothar König: Vor dem Dresdner Gericht demonstrieren Mitglieder der Jenaer Jungen Gemeinde sowie Christen aus Thüringen und Sachsen für den Angeklagten. (Foto: Steffen Giersch)

Prozess: Dem Pfarrer Lothar König wird in Dresden Landfriedensbruch vorgeworfen.
 
Der Prozess gegen Pfarrer Lothar König ist so wie die Demonstrationen vom 19. Februar 2011: Laut, chaotisch – und durchaus grob.
 

Man könnte diesen Artikel bis zum letzten Punkt leicht mit skurrilen Anekdoten füllen. So skurrilen, dass man sie kaum für möglich hält in einem deutschen Gerichtsprozess. Beweisdokumente, die aus dem Nichts auftauchen. Polizisten, deren Erinnerungen reihenweise widerlegt werden. Ein Verteidiger, der die kaum zu verstehende Staatsanwältin anbrüllt: »Wer brüllt hat Unrecht!« Ein Richter, der lange um Fassung ringt, und dann doch den Rechtsanwalt anfährt: »Hören Sie auf dazwischenzuplappern. Das ist widerlich.«

Man versteht diesen Prozess am Dresdner Amtsgericht nur, wenn man sich zwei Bilder vor Augen führt: Den angeklagten Jugendpfarrer Lothar König (59), der sein rauschebärtiges Gesicht schon gegen Neonazis hinhielt, als NSU für die Deutschen noch eine verblichene Automarke war. Und die brennenden Barrikaden des 19. Februars 2011, als die Fassungslosigkeit über einen Rechtsstaat loderte, der unter seinem Grundgesetz alljährlich Neonazis marschieren lässt. Steine flogen damals, die über 100 Polizisten verletzten. An einigen Brennpunkten filmte die Polizei einen VW-Bus mit Lautsprechern und bärtigem Fahrer. Bei der Suche nach den oft vermummten Tätern dieses Tages muss das wie ein Sechser im Lotto gewesen sein. Details schienen nicht so wichtig.

Pfarrer König soll inmitten seiner Jungen Gemeinde zu Gewalt aufgerufen haben, sagten Polizisten aus – doch zerbröselten alle Vorwürfe bisher angesichts von Videobeweisen. Hätte es diese Bilder nicht gegeben, hätte der Pfarrer schlechte Karten gehabt. Beim bislang letzten Verhandlungstag am 20. Juni deutet Richter Ulrich Stein an, dass die bisher behandelten Vorwürfe »so gut wie aufgeklärt« seien: »Für den Fall, dass kein aufwieglerischer Landfriedensbruch nachweisbar ist, könnte ich mir auch eine andere Verfahrensbeendigung vorstellen.«

Doch da wartet bereits der nächste Vorwurf. König soll im fahrenden Lautsprecherwagen seiner Jungen Gemeinde einem Steinewerfer Schutz vor der Polizei gewährt haben. Ein Video zeigt einen Mann, der sich auf der Flucht vor Beamten an den fahrenden Wagen klammert und niedergeknüppelt wird. »Die Frage ist«, sagt Richter Stein: »Bekam der Angeklagte mit, dass der Stein geworfen wurde?«

Als Lothar König das hört, beugt er sich vor und bittet mit belegter Stimme um das Wort. »Herr Richter, wenn ich das richtig verstanden habe, habe ich hier gar keine Chance. Denn ich bin mir sicher, dass im Umfeld des Lautsprecherwagens auch Steine geflogen sind. Ich habe sie gesehen oder nicht gesehen.« Die sechs Prozesstage seit April, die abertausende Euro dafür, das Auf und Ab aus Vorwürfen und deren Pulverisierung – all das setzt König zu. Als er vor Beginn des Prozesstages wieder für die Fotografen sein eigenes Klischee aufführen soll mit Sandalen und Stoffbeutel (Aufschrift: »Heute schon aufgewiegelt?«), wirkt er genervt und müde. Sehr müde.

Seine Verteidiger und manche seiner zahlreichen Anhänger im Gerichtssaal hingegen spotten und provozieren Richter und Staatsanwältin mit der Gewissheit derer, die sich sicher auf der Seite des Guten glauben. Vor dem Gerichtsgebäude bläst der neue Lautsprecherwagen der Jungen Gemeinde Gitarrenriffs in die Sonnenglut, auf dessen Dach flattert die Antifa-Fahne. Hier geht es auch um Gefühle, um Kampf, um Empörung. Um das Dilemma des Rechtstaats, der blind wie Justitia auch seinen Gegnern das Demon­strationsrecht garantiert, geht es nicht. Es regiert das Laute, im Prozess so wie am 19. Februar 2011. Auf einem Video im Internet sieht man Königs VW-Bus inmitten eines rennenden Pulks von Demonstranten fahren. Auch damals krachten Gitarrengewitter.

Königs Landeskirche stellt sich samt Landesbischöfin hinter ihn. »Muss sich ein Pfarrer aus seiner seelsorgerlichen Verantwortung zurückziehen, sobald in seiner Umgebung strafbare Handlungen geschehen?«, fragt auf den Besucherbänken des Gerichtssaals der Personaldezernent der Mitteldeutschen Kirche, Michael Lehmann. »Das ist auch eine theologische Frage.«

Andreas Roth

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