Lobt die Nestbeschmutzer

Edward_SnowdenAuch das Erschrecken ist wie immer. US-amerikanische Geheimdienste sollen weltweit nahezu flächendeckend Telefon und Internet belauschen, das klingt unglaublich. Doch mit dem Abhören ist es wie mit der Kernspaltung. Oder mit der Gen-Technik. Neu ist das nicht: Was gemacht werden kann, wird irgendwann gemacht. Bei der rasanten Entwicklung der global vernetzten Kommunikation wäre es naiv zu denken, dass dieser Fortschritt nicht auch ein Fortschritt für dunklere Ziele aller Art ist.

Das Erschrecken kommt später – immer. Und kann nur dazu beitragen, dem frei gewordenen Geist Zügel anzulegen. In die Flasche bekommt man ihn nicht mehr.

Das ist das eine, was wir aus dem aktuellen Fall lernen können: Nüchtern auf neue Technologien zu schauen und auf die ihnen innewohnenden Abgründe. Das andere ist eine Lehre über die ständige Gefährdung von Institutionen – vor allem von jenen, die das Gute wollen. Oder es zumindest vorgeben.

Was dieser Tage über die amerikanischen Geheimdienste enthüllt wird, folgt einem klassischen Muster: Am Anfang steht ein edles Ziel (Terror bekämpfen, also Leben retten), doch dann beginnt sich dieses Ziel zu verselbständigen und reißt alle anderen Werte mit sich. Auch religiösen Institutionen ist diese Mechanik nicht fremd.

Den zerstörerischen Kräften, die auch in guten Zielen und Erfindungen schlummern, kann nur eines Einhalt gebieten: Der aufrechte Einzelne, der sich zu fragen traut, ob der Kaiser nicht vielleicht doch in Wahrheit nackt ist. Der wie der amerikanische Ex-Spion Edward Snowden den ganz anderen Blick auf das allseits Akzeptierte wagt. Und sich dafür als Nestbeschmutzer beschimpfen lässt. Auch das soll nicht nur in Geheimdiensten so sein.

Andreas Roth

Foto: ubiquit23

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