Ich bin dann mal Gott

Ich bin dann mal Gott

Die Kirchen werden leerer, aber der moderne Wunderglaube hat Zulauf. Die Esoterik ist eine Herausforderung – auch für die Kirche.
 

»Längst ist die Esoterik in die Mitte der Gesellschaft eingesickert«, stellt Harald Lamprecht, Weltanschauungsbeauftragter der sächsischen Landeskirche, fest. Übersinnliche Lebensdeutungen und Heilmethoden mischen sich mit dem Nachdenken über gelingendes Leben, sagt Lamprecht, der diesbezüglich den Zeitschriftenmarkt beobachtet.

Auffällig sei: Immer mehr harmlos daherkommende Titel tauchen auf. Zwischen guten Fotos findet sich darin ein buntes Sammelsurium aus Buddhismus, Christentum, fernöstlicher Spiritualität und Magie. »Das ist nicht mehr die harte Esoterik, sondern Lifestyle«, meint Lamprecht.

Auch der Journalist und Buchautor Bernd Kramer stößt in seiner Umgebung auf mehr und mehr Menschen, die er für intelligent und aufgeklärt hielt, die sich aber auf einmal für die seltsamsten Sachen begeistern. »Mir fiel auf, wie viele meiner Bekannten Dingen Glauben schenkten, deren Unsinnigkeit ich für ausgemacht hielt«, schreibt er in seinem soeben erschienenen Buch »Erleuchtung gefällig?«.

Das gesellschaftliche Klima habe sich verschoben. Viele lehnen die Kirchen als engstirnig und autoritär ab, so Kramer. Spirituelles hingegen liege im Trend. 55 Prozent der Westdeutschen glauben an Wunder und mehr als 26 Prozent an die Wiedergeburt, sagt eine aktuelle Bevölkerungsumfrage. Und bis zu 25 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Übersinnliches aus, schätzt der Trendforscher Eike Wenzel. Tendenz steigend.

Dies alles deute auf eine »stille spirituelle Revolution«, sagt die Okkultismus-Forscherin Sabine Doering-Manteuffel in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Dabei würden »Weltbilder verändert wie in keiner Missionsphase der europäischen Geschichte zuvor«.

Doch was zählt zu dieser immer beliebter werdenden übersinnlichen Lebenshilfe? In mehreren Selbstversuchen ist Bernd Kramer tief in die Esoterik-Szene vorgedrungen. Hat sich am Telefon von einer Wahrsagerin beraten lassen, besuchte eine Reinkarnations-Therapeutin sowie einen Kurs in Bewusstseinserweiterung und Karma-Reinigung. Er bot auch selbst auf einer Esoterik-Messe einen Rückenkratzer an, den er zum »Karma-Kamm« erklärte, um damit die Aura seiner Kundinnen zu reparieren. Nie spürte er Zweifel, stets grenzenloses Vertrauen.

Selbst er, eingefleischter Skeptiker, kann sich dem Sog kaum entziehen. Sein Fazit: Auch starke Menschen können sich in esoterischen Welten verlieren. Er schildert Beispiele, wo die Suche nach Rat bei Beziehungsproblemen unmerklich in einer sektenähnlichen Psychogruppe endet.

Die Faszination der Esoterik im Unterschied zur Religion erklärt er sich so: Ein Gott, den man anbete, könne einem helfen, vielleicht aber auch nicht. Durch Geistheilerei oder Bewusstseins-Coaching könne man sich dagegen selbst zum Gott machen. »Esoterik geriert sich als Lebenshilfe, die uns unvermutete Kräfte zu verleihen vermag«, so Kramer.

Das sei gerade in einer Gesellschaft voll wachsender Unsicherheiten und Forderungen zur Selbstoptimierung eine wohltuende Antwort.

Die Unwägbarkeiten des Lebens seien eben nur schwer zu ertragen, meint auch Harald Lamprecht. »Wir wollen das in den Griff bekommen.« Das sei aber mit keiner Methode möglich. Auch nicht mit denen, die sich göttliche Macht anmaßen. Deshalb appelliert er an den gesunden Menschenverstand und rät, genau hinschauen und zu fragen: »Nach welchem Prinzip funktioniert das?«

Das rät er auch bei alternativer Medizin, etwa der Homöopathie. Im Hinblick auf den christlichen Glauben hält er die nicht für bedenklich. Nur für wirkungslos. Was ihm die größte Sorge bereitet: »Der Wert vernünftigen Urteilens nimmt ab.«

Tomas Gärtner

Mehr zum Thema in DER SONNTAG 27/2013, Seite 3.

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