Binden macht glücklich

Sonntag 28 - 2013

Natürlich ganz unverbindlich – junge Menschen machen sich Entscheidungen oft nicht leicht. Egal, ob bei der Berufs- oder bei der Partnerwahl. Doch auch sie binden sich, weil nur das Halt gibt.

 

Von Laura Blome

Als ich klein war, erzählte mir einmal jemand die Geschichte, wie Menschen im Urwald Affen fangen würden: Sie brauchen nichts weiter als eine Flasche mit dünnem Hals, die, gefüllt mit süßen Früchten, am Waldboden befestigt wird.

Es heißt, dass ein Affe, angelockt von den Leckerbissen, nicht zögert, seine Hand durch die Öffnung der Flasche zu zwängen und das Obst zu greifen. Seine gefüllte Faust ist dann aber zu dick, um sie wieder herauszuziehen. Er steckt fest. Anstatt die Hand zu öffnen und das Obst aufzugeben, hält er es aber trotzdem so lang verzweifelt fest, bis die Affenfänger kommen, die Flasche vom Boden lösen und ihn mitnehmen.

Damals habe ich über die Dummheit der Affen gelacht und mit keine weiteren Gedanken über den Grund ihres Verhaltens gemacht. Heute glaube ich, wir Menschen haben viel mit diesen Affen gemein: Wenn wir einmal etwas lieb gewonnen haben, danach greifen und es festhalten, fällt es uns schwer, wieder loszulassen. Doch eine zu starke Abhängigkeit von dem, was uns kostbar ist, kann uns zum Verhängnis werden, uns gefangen halten und unglücklich machen. Vielleicht ist es die Angst vor der metaphorischen Flasche, die uns ständig davor warnt, Bindungen einzugehen.

So ist es zum Beispiel in unserer Zeit für kaum jemanden noch vorstellbar, im Alter von achtzehn oder zwanzig Jahren zu heiraten, dabei waren Brautpaare dieses Alters vor hundert Jahren keine Seltenheit. Manche entscheiden sich ganz gegen die Ehe, andere heiraten dafür in ihrem Leben gleich dreimal, um wirklich auf »Nummer Sicher« zu gehen. Niemand will sich mehr festlegen.

Sogar die unbeliebten Vertreter an der Tür und am Telefon nutzen diese Grundeinstellung, schlagen immer vor, ganz »unverbindlich« über ein einmaliges Angebot, neue Heilsversprechungen oder den guten Service eines bestimmten Anbieters zu sprechen. Gerade für viele Jugendliche werden wichtige Entscheidungen, wie die Wahl einer Studienrichtung, zur monatelangen Qual – schließlich möchte niemand einen Entschluss fassen, der ihn nicht glücklich macht.

Die logische Schlussfolgerung unserer Scheu vor Bindungen jeglicher Art wäre, dass die Menschen heute generell autonomer sind als früher und kaum noch engere Beziehungen zu Mitmenschen oder Abhängigkeit von Dingen zulassen. Verstärkt man diese Hypothese, kommt man zu der Annahme, zumindest junge Menschen seien einzelgängerisch und gegenüber ihrer Umwelt so gut wie möglich abgegrenzt. Dies ist aber gerade nicht der Fall.

Denn junge wie alte Menschen können ganz auf sich gestellt nicht glücklich werden; ihnen allen geben Bindungen zu Mitmenschen, Freunden und Familienmitgliedern die nötige Kraft und den nötigen Rückhalt, um mit dem Schwierigkeiten des Alltags umzugehen.

Zwar sind wir heute vielleicht zögerlicher und misstrauischer, als wir es früher gewesen wären – das hindert uns aber nicht daran, nach einer gewissen Zeit »zuzugreifen«. Manchmal bewusst, manchmal unbewusst halten wir an Dingen fest; nehmen damit Einschränkungen und Verpflichtungen auf uns, um das, was uns wichtig ist, nicht loslassen zu müssen.

Denn auch wenn jede Bindung Risiken und Pflichten mit sich bringt, lohnt es sich doch, sie einzugehen. Sie gibt Sicherheit, fe­stigt und stärkt uns. In den meisten Fällen werden wir durch Beziehungen zu Menschen nicht gefangen wie der Affe in der Geschichte durch die Flasche. Für alle Zugeständnisse, die wir machen, werden uns mindestens genauso viele Bereicherungen geboten.

Laura Blome hat gerade am Dresdner Kreuzgymnasium das Abitur bestanden und will Tiermedizin studieren.

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