Die erste wilde Ehe

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Ist die Ehe das christliche Leitbild für Partnerschaften? Darüber streitet gerade die evangelische Kirche. Schauen wir mal in die Bibel – sie kann überraschen.

 
Sucht man in der Bibel nach Gottes Wort zur Ehe, wird man am See Genezareth vorbeikommen müssen. An seinem Ufer bei Kapernaum, wo vor fast 2000 Jahren die Fischer Simon und Andreas ihre Netze auswarfen. Da kam dieser noch unbekannte Wanderprediger Jesus von Nazareth und sprach zu ihnen: »Folgt mir nach!« (Markus, 1, 17). Dabei war zumindest Simon verheiratet – doch ließ er alles stehen und liegen. Nach dem Leitbild einer bürgerlichen Ehe hörte sich Jesus nicht an.

Der Mann aus Nazareth rechnete mit dem bald anbrechenden Reich Gottes, familiäre Bindungen schienen ihm da weniger dringend. Zur Hochzeit riet Jesus nie. Aber wenn die Menschen schon verheiratet waren, dann sollten sie es auch ernst nehmen. Sehr ernst. »Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen«, sagte Jesus in seiner Bergpredigt (Matthäus 5, 28).

Eine einmal bestehende Ehe ist für Jesus ein Teil der Schöpfung Gottes: »Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen« (Matthäus 19, 6). Scheiden lassen konnten sich damals übrigens nur Männer – mit seiner radikalen Ethik schützt Jesus die Frauen. Und die Kinder. Die damals Schwächsten.

Damit liegt er ganz auf der Linie von Gottes Willen im Alten Testament. Das Verbot des Ehebrechens, die vielen Gesetze zu Ehe und Sexualität – sie alle sollen oft die Frauen und Kinder schützen. Die Bibel ist da ganz nüchtern: An keiner Stelle des Alten Testaments wird die Ehe theologisch begründet – sie ist einfach da, so wie der Mensch.

Gott schuf den Menschen als Mann und Frau, heißt es ganz am Anfang der Bibel. »Seid fruchtbar und mehret euch« – und schon war auch eine erste Beziehung geschaffen (1. Mose 1,27). Ehe wurde sie nicht genannt.

Im zweiten Schöpfungsbericht will Gott dem Menschen »eine Hilfe schaffen als sein Gegenüber«. Von der Frau heißt es danach lapidar: »Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen und sie werden ein Fleisch sein.« (1. Mose 2, 24). Das ist kein göttliches Gebot, sondern die Erklärung eines Zustands. Und eine Verheißung von paradiesischem Segen, vielleicht gar Glück: Dass Frau und Mann einander Helfer seien – und nie wieder einsam.

Der Bruch aber ist schon mitgedacht. Ausgerechnet als Folge des Sündenfalls verhängt Gott über die Frau die Praxis der männlich dominierten Ehe – quasi als Strafe: »Dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.« (1. Mose 3, 16).

In dieser Spannung zwischen Segen und Sündenfall bewegen sich alle Ehen der Bibel. Ob bei Abraham, Jakob oder David: Viele Frauen, viel Macht – und vor allem: viele Kinder. Von religiösen Zeremonien bei Hochzeiten wird nirgends berichtet. Aber die Ehe kann, wenn man treu ist, ein Segen Gottes sein – das betonen die Weisheitsbücher des Alten Testaments immer wieder (Sprüche 31, 10–31).

Paulus war so viel innerweltliche Wonne suspekt. Weil er die nahe Wiederkunft Christi erwartete und ihm allein dienen wollte, rät der Apostel von der Ehe ab. »Aber um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann«, schreibt er (1. Korinther 7, 2). »Das sage ich euch aber als Erlaubnis und nicht als Gebot.«

Als sich die Wiederkunft des Herrn verzögerte, taten die ersten Christen, was schon die Theologen des Alten Testaments getan hatten: Sie begannen das, was in einer Ehe zerstörerisch sein kann, einzudämmen. Und fügten ein neues Gebot hinzu: »Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat.« (Epheser 5, 25) Und plötzlich war ein neues Leitbild in der Welt: das der Liebe.

Andreas Roth

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