Seht nicht weg!


Das Blutvergießen in Syrien frisst sich fest, kaum einen interessiert es noch. Syrer in Sachsen verzweifeln an der Tragödie – und sehen nur noch einen Ausweg.

Ahmed Ali sieht im Internet die Gewalt in seiner Heimat – an sie erinnert die kurdische Fahne. (© Steffen Giersch)

Ahmed Ali sieht im Internet die Gewalt in seiner Heimat – an sie erinnert die kurdische Fahne. (© Steffen Giersch)

Das ganze Ausmaß der syrischen Dramas passt in Ahmed Alis Handteller. Kurz streift sein Blick aus dem grauen Plattenbaublock über die weiten Felder vor Großenhain. Dann heftet sich sein Blick wieder auf das Bild in seinem Handy: Ein vollbärtiger Muskelmann drückt mit seinem Fuß den Kopf eines Gefangenen nieder. »Assads Schabiha-Miliz«, sagt Ahmed Ali (31) knapp.

Ein paar Facebook-Bilder weiter erscheint auf dem kleinen Bildschirm ein blutüberströmter junger Mann. Erschossen ein paar Tage zuvor auf einer Demonstration in Alis Heimatstadt, sagt Ali. »Die Täter waren unsere Brüder, Kurden wie wir.« Ali holt eine gelbe Trainingsjacke aus dem Schlafzimmer der kleinen Wohnung, in der er mit seiner Familie Asyl gefunden hat. Er streicht über die zerfetzten Ärmel. Das war der Stacheldraht an der syrischen Grenze. Ali hatte an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teilgenommen und geheim Kurdisch unterrichtet – der Kreis der Verhaftungen habe sich vor vier Jahren immer enger um ihn gezogen, sagt er. Jetzt sitzt er im Komitee der kurdischen Yekiti-Partei.

Für Demokratie, sagt Ali, der kein Muslim mehr ist. Für eine Trennung von Staat und Religion. In seiner Heimatstadt Qamischly regiert jetzt die kurdische Partei PYD. »Auch sie schießen auf Demonstranten«, sagt Ali. Je mehr er mit seiner Familie telefoniert und im Internet sucht: Das Bild aus Syrien wird immer verschwommener.

In seinem Haus im sächsischen Naunhof sieht der Arzt Dr. Ayham Al-Zoebi so genau hin, dass es schmerzt. Oft ist es dabei tiefste Nacht. Dr. Al-Zoebi (51) sitzt am Computer und spricht über den Videodienst Skype mit Kollegen in Syrien. Wovon er erfährt: bombardierte Untergrund-Krankenhäuser, verhaftete und gefolterte Patienten, Ärzte und Pfleger. Eine Herz-Operation auf dem Küchentisch. Der Patient starb. Ayham Al-Zoebi weiß nur zu genau, warum. In Wermsdorf arbeitet er als Herzspezialist. Sein Vater war einst syrischer Minister und musste 1969 vor Hafez Al-Assad fliehen.

Der Arzt Ayham Al-Zoebi hilft mit der Organisation UOSSM Verletzten in Syrien. (© Armin Kühne)

Der Arzt Ayham Al-Zoebi hilft mit der Organisation UOSSM Verletzten in Syrien. (© Armin Kühne)

An seinem Computer berät Dr. Al-Zoebi jeden Abend mit den Kollegen der Union syrischer medizinischer Hilfsorganisationen UOSSM: Wo brauchen Ärzte am dringend­sten Unterstützung? Für die Koordination wurden in über 20 syrischen Städten Ärztekomitees gewählt, über 30 Feldkrankenhäuser bezahlt, die UOSSM richtete in Nachbarländern Materiallager ein. Von dort werden gespendete Kanülen, Katheder, Medikamente, aber auch Röntgengeräte auf Schultern und Eseln ins Land getragen. Eine Sisyphos-Arbeit.

»Mich hat nie interessiert, wer von meinen Freunden Christ, Alawit oder Sunnit ist. Syrer sind sehr weltoffen und tolerant«, sagt der mit einer orthodoxen Christin verheiratete Moslem. »Jetzt sieht man auf einmal danach – das ist eine ganz gefährliche Entwicklung.« Im Logo der Ärzteorganisation UOSSM umschlingen sich Kreuz und Halbmond. Als Ärzte in einer Stadt Patienten nach Religion und Partei zu unterscheiden begannen, zog Al-Zoebi die rote Karte.

Der Arzt weiß: Das alles ist eigentlich viel zu groß für ihn. Unschaffbar. Und unfassbar für ihn: Dass die Welt zusieht. »Es gibt keine andere Möglichkeit, als militärisch einzugreifen«, sagt er, die Bilder sind zum Verzweifeln. »Wir wollen nur, dass es so wenig wie möglich Verletzte gibt und so wenig Menschen wie möglich radikalisiert werden.« Die Zeit läuft schon lange.

Der Westen hätte es machen sollen wie in Libyen, sagt Ahmed Ali in Großenhain. Wenigstens eine Flugverbotszone. »Weil der Westen gewartet hat, sind jetzt über 100.000 Menschen tot.« Ahmed Ali schiebt auf seinem Handy die Galerie des Grauens weiter: Der ist verhaftet, und der, und der. Seinen einjährigen Sohn hat er Alav genannt: Freiheit. Neues Leben.

Andreas Roth

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