»Unsere Kritik zeigt unsere Verbundenheit mit der Kirche«


Entfernen sich die Landeskirchlichen Gemeinschaften von der Landeskirche? Fragen an den Vorsitzenden des Landesverbandes Johannes Berthold.

Der Theologe Johannes Berthold ist seit 2008 Vorsitzender des Landesverbandes der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen. Zuvor lehrte er als Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. (Foto: Giersch)

Der Theologe Johannes Berthold ist seit 2008 Vorsitzender des Landesverbandes der Landeskirchlichen Gemeinschaften in Sachsen. Zuvor lehrte er als Professor an der Evangelischen Hochschule Moritzburg. (Foto: Giersch)

Herr Professor Berthold, der Zukunftskongress des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes verabschie­dete ein überraschendes Bekenntnis: Oft genügten sich Landeskirchliche Gemeinschaften in der Pflege eigener Frömmigkeit selbst. Gilt das auch für Sachsen?
Berthold: Keine Erneuerungsbewegung hat für sich selbst Erneuerung gepachtet. Überall wirkt das Trägheitsgesetz. So bedarf es immer auch eines kritischen Blicks auf sich selbst. Ich denke, ein solches Schuldbekenntnis birgt in sich aber immer auch die Chance des Neubeginns. In diesem Sinne stand der Kongress unter dem Thema »Neues wagen«.

Trifft dieses Bekenntnis auch die Position der Gemeinschaften gegen die Zulassung homosexueller Partnerschaften in Pfarrhäusern?
Berthold: Nein, hier bleiben wir in unserem Gewissen gebunden. Unsere kritische Stellungnahme an dieser Stelle hat gerade in ihrer Kritik die tiefe Verbundenheit mit unserer Kirche gezeigt. Der hier ausgedrückte Schmerz ist Ausdruck des gemeinsamen Körpergefühls.

Viele ihrer Mitglieder tragen schwer daran. Wohin führt das: zu Resignation – oder zu einem letzten Kampf um das pietistische Profil der Landeskirche?
Berthold: Zu Resignation sehe ich keinen Grund. Es geht hier auch nicht um ein pietistisches Profil, sondern um das erkennbare Profil von Kirche in einer pluralistischen Gesellschaft. Und das lebt aus einem Grundvertrauen in ihre eigene Tradition, aber auch von dem Mut, Dissonanzen auszuhalten. Die teils enttäuschten, teils hämischen Kommentare der säkularen Presse zur neuen EKD-Orientierungshilfe über Ehe und Familie zeigt, dass Kirche belanglos wird, wenn sie gesellschaftliche Realität nur verdoppelt.

Wie viele Ihrer Mitglieder sind denn wegen der Öffnung für Homosexuelle aus der Landeskirche ausgetreten?
Berthold: Ich denke, ein bis zwei Prozent. Doch bleiben sie bei uns weiterhin Mitglieder und auch Mitarbeiter. Sie treten ja nicht aus, weil sie sich von Christus trennen. Sie trennen sich also auch nicht vom Leib ­Christi. Deshalb sind sie auch nicht vom Heiligen Abendmahl ausgeschlossen, zu dem ja nicht wir, sondern Christus selbst einlädt.

In Verhandlungen mit dem Landeskirchenamt will Ihr Landesverband nun erreichen, dass Gemeinschaftsprediger auch Trauuungen und Beerdigungen durchführen können – was unterscheidet die Gemeinschaften dann noch von Freikirchen?
Berthold: Das geschah ja schon bisher hin und wieder, wenn Gemeinschaftsmitglieder das wünschten. Aber es ist gut, darüber eine offizielle Regelung zu haben. Eine Freikirche werden wir dadurch nicht, denn solche Amtshandlungen geschehen im Auftrag der Kirchgemeinde. Wir sind und bleiben ein freies Werk der Kirche. Doch brauchen wir dazu einen Raum der Freiheit, auch um auf veränderte Bedingungen reagieren zu können. Eine Kirche, die sich selbst im stetigen Wandel begreift, wird auch anderen dieses Recht zugestehen.

Auf dem Gnadauer Zukunftskongress nahmen sich die Gemeinschaften vor, zu wachsen – ist das mehr als eine fromme Hoffnung?

Berthold: Auch unsere Mitgliederzahlen werden insgesamt kleiner, doch gibt es örtlich durchaus auch Wachstum. So werden wir in Leipzig ein neues Gemeinschaftshaus bauen für unsere wachsende Arbeit. Auch wünschte ich mir durchaus Neugründungen von Gemeinschaften, gerade auch dort, wo durch Strukturreformen die kirchliche Landkarte ausgedünnt ist. Auch auf diese Weise kann ein freies Werk kirchliche Arbeit vor Ort bereichern und mitgestalten.

Die Fragen stellte Andreas Roth

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]