Einfach da sein

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Der Urlaub gilt als die schönste Zeit des Jahres und ist ein Gottesgeschenk. Doch die freie Zeit zu genießen, ist nicht einfach. Denn den Urlaub muss man sich auch erlauben.
 

Endlich Ferien! Wer erinnert sich nicht an diesen Jubelruf, der sich an das letzte Schulklingeln anschloss, an das Hochgefühl der Ferien? Endlich pausieren die Pflichten. Endlich lockert sich der straff durch­organisierte Alltag. Wenn der Urlaub beginnt, ist auch in vielen Erwachsenen noch ein Nachhall dieses kindlichen Ferienjubels. Ein Aufatmen, ein Kribbeln, eine Vorfreude auf Musestunden, Wanderungen und Leseabende.

Für viele ist der Urlaub die »schönste Zeit des Jahres«. Sie wollen bewusst ihren Alltag unterbrechen und sich Zeit für Erholung und Wohlgefühl, Entspannung und Genuss für Körper, Seele und Geist nehmen. Das brachte jüngst die Tourismus-Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Vorschein.

Viele wissen gar nicht, dass sie mit ihrem Urlaub ein Gottesgebot befolgen: »Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun, aber am siebten Tage sollst du feiern«, heißt es im dritten Gebot. Der Sonntag ebenso wie die Urlaubstage sind gottgewollte Unterbrechungen des Alltags. Damit die Menschen »von groben Werken stillstehen und ruhen, auf dass sich beide, Mensch und Vieh, wieder erholten und nicht von steter Arbeit geschwächt würden«, wie Martin Luther in seiner Erklärung der Zehn Gebote schreibt.

Urlaub komme von dem Wort »erlauben«, stellt der Benediktinerpater Anselm Grün fest. Zuerst erlaubt uns Gott, auszusteigen aus dem Kreislauf der Pflichten und die eigenen Bedürfnisse wahr und wichtig zu nehmen. Dann erlaubt es uns natürlich der Arbeitgeber, eine zeitlang arbeitsfrei zu sein. Und schließlich müssen wir uns aber auch selbst den Urlaub erlauben. Urlaub heißt: »Ich darf mir erlauben, mein eigenes Leben zu leben, mir meine Wünsche zu erfüllen, ohne Rücksicht auf das, was nützlich ist, was Geld bringt, frei von allen Erwartungen«, sagt Anselm Grün. Doch das ist nicht so einfach. Denn um sich etwas zu erlauben, müsse man sich selbst gern haben, was viele nicht könnten. Anselm Grün wirbt deshalb dafür, sich selbst anzunehmen so wie man ist.

Dabei helfen kann die Botschaft vom gnädigen Gott. Um diese auch in den Urlaubsorten zu Gehör zu bringen, übernehmen in diesem Jahr fünf sächsische Pfarrer den Dienst als Urlauberseelsorger in Italien und Österreich.

Einer von ihnen ist Pfarrer Bernd Frauenlob aus Leipzig. Er ist gerade zurückgekehrt aus Bad Gastein im Salzburger Land, wo er drei Wochen Urlauber und Seelsorger war. Sein Anliegen ist es, in seinen Urlaubspredigten die Bergwelt seiner Urlaubsregion mit Texten der Bibel zu verbinden. Bibelworte über den Schöpfergott wie Psalm 121 erhalten hier einen tieferen Klang: »Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?«

»Die Menschen sind entspannt, haben gute Laune und sind neugierig auf einen neuen Pfarrer und seine Bibelauslegungen«, erzählt Frauenlob. Vor allem auf gemeinsamen Wanderungen erlebe er den Gesprächsbedarf, den mancher Urlauber über Fragen des Lebens hat. Er gebe ihnen dann etwas vom großen geistlichen Reichtum seiner lutherischen Tradition weiter, so Frauenlob. Dabei erhalte aber auch er selbst so manche geistliche Befruchtung.

Viele Menschen möchten im Urlaube vor allem Zeit haben: Zeit für sich, für die Familie und auch für Gott, so die EKD-Studie. Dafür stehen nicht nur Urlaubsseelsorger zur Verfügung. Die meisten Kirchen der Urlaubsorte sind den ganzen Tag geöffnet und bieten Raum für die Begegnung mit Gott. Hier ist es erlaubt, einfach da zu sein – ohne einen Gottesdienst zu feiern, ohne etwas sprechen, singen oder machen zu müssen. In der Kühle und Stille des Kirchenraumes kann erfahren werden, was Rainer Maria Rilke einmal unter dem Titel »Rast« gedichtet hat: »Gast sein, einmal. / Einmal sich alles geschehen lassen / und wissen: / Was geschieht, ist gut.«

Stefan Seidel

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