Kommet zuhauf!

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Der Kirche fehlt zunehmend der Nachwuchs in ihren Berufen. Das liegt nicht nur am Geburten­knick – das Problem ist auch hausgemacht.
 

Früher konnte sich die Kirche auf Berufungen verlassen. Jetzt findet sie sich auf einmal auf dem Markt der Berufe wieder. Denn die jungen Menschen, die sich berufen fühlen, sind auf einmal rar – als Kinder des Geburtenknicks können sie wählen, wozu sie sich berufen fühlen. Zum Dienst in der Kirche immer weniger.

Standen vor zehn Jahren noch 130 Theologiestudierende auf der landeskirchlichen Liste für den Pfarrernachwuchs, sind es jetzt noch 104. Für die jedes Jahr neu zu besetzenden 15 Pfarrerstellen findet die sächsische Landeskirche derzeit nur knapp genügend Kandidaten. »Ab 2017 werden wir zu wenige Bewerber haben, wenn wir nicht noch weitere Studierende für die Liste gewinnen«, sagt der zuständige Oberkirchenrat Karl Ludwig Ihmels. Und etwa 30 Pfarrer gehen jedes Jahr in den Ruhestand – die Vakanzen werden in jedem Fall wachsen.

Bei den Kirchenmusikern ist die Situation noch dramatischer. Zwar beginnen in diesem Herbst sechs junge Menschen den B-Studiengang an der Dresdner Hochschule für Kirchen­musik – im letzten Jahr waren es vier. Doch damals stammten alle aus Sachsen, jetzt ist es nur eine einzige Studien­anfängerin. Dabei leiden viele sächsische Kirchgemeinden unter unbesetzten Kantorenstellen.

Auch Gemeindepädagogen werden vielerorts händeringend gesucht – und das längst nicht mehr nur auf dem Land. Doch die Evangelische Hochschule Moritzburg konnte von ihren extra auf 30 aufgestocken Studienplätzen im Fach Religionspädagogik bis Juli nur 22 vergeben. Die Zahl der Bewerbungen geht seit Jahren zurück. »Und leider springen uns des öfteren Bewerber noch ab«, sagt der Moritzburger Rektor Professor Christian Kahrs.

Gravierend ist der Fachkräftemangel in evangelischen Kindergärten und in der Diakonie. 40 bis 50 künftige Erzieher jährlich bildet etwa die Evangelische Schule für Sozialwesen in Bad Lausick aus. »Doch es fehlt uns an mehr kirchlich beheimateten Bewerbern«, sagt Schulleiter Werner Müller. Der Bedarf an Pflegepersonal auch in Einrichtungen der Diakonie wird sich bis 2030 verdoppeln – wie er mit christlichem Personal gedeckt werden kann, weiß bisher niemand zu sagen.

Ist wirklich nur der Geburtenknickt schuld? »In Sachsen scheint mir noch etwas ausgeprägter als anderswo die schlechte Stimmung unter den Kirchenmusikern zu sein – so dass sie eventuellen Studenten eher abraten«, sagt der aus Rheinhessen an die Kirchenmusikhoch­schule gekommene Rektor Stephan Lennig mit Blick auf die vielen zerstückelten Teilzeitstellen für Kantoren. Auch der Moritzburger Rektor Christian Kahrs stellt fest: »Die Arbeitsbedingungen müssen attraktiver werden.«

Um in der Konkurrenz um gut ausgebildete Jugendliche mitzuhalten, will das Landeskirchenamt noch in diesem Jahr ein Internetportal mit einem Überblick über alle Berufe in Kirche und Diakonie starten. Zudem will man Menschen mit nicht-kirchlichen Berufen das Umsatteln in die Kirche erleichtern. Gerade haben 16 Absolventen an der Moritzburger Hochschule berufsbegleitend die Weiterbildung zum Gemeindepädagogen absolviert. »Da sehen wir einen positiven Trend, dass sich Menschen im mittleren Alter noch einmal neu eine sinnstiftende Tätigkeit suchen«, sagt Thomas Wintermann, Referent für Gemeindepädagogik im Landeskirchenamt.

Der Königsweg zum Nachwuchs aber führt über begeisternde Vorbilder in den Kirchgemeinden. »Doch das ist ein riesiges Problem, weil sich viele Mitarbeiter auch von der Landeskirche überlastet und getrieben fühlen«, sagt Oberkirchenrat Karl Ludwig Ihmels. »Daran müssen wir arbeiten, so dass junge Menschen sagen: Das wollen wir auch.« Dann fällt es vielleicht wieder leichter, eine Berufung zu spüren. Nicht nur für den Nachwuchs.

Andreas Roth

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