Wer darf hier säen?


Kirchenland: Sächsische Kirchgemeinden besitzen 14 000 Hektar Land, das meist landwirtschaftlich genutzt wird.
 
Sie suchen nach Pachtkriterien für Geithainer Kirchenland (v. l): Kirchner Andreas Saupe, KV-Vorsitzende Petra Streicher und Umweltbeauftragter Heiko Reinhold. (Foto: Stefan Seidel)

Sie suchen nach Pachtkriterien für Geithainer Kirchenland (v. l): Kirchner Andreas Saupe, KV-Vorsitzende Petra Streicher und Umweltbeauftragter Heiko Reinhold. (Foto: Stefan Seidel)

Die Kirchgemeinde Geithain hat viel Land zu verpachten. Ob es bei Groß- oder bei Kleinbauern besser aufgehoben ist, wird heiß diskutiert.
 

Nicht nur um die himmlische Heimat der Christen geht es derzeit in der Kirchgemeinde Geithain-Wickershain. Auch die irdische Heimat bewegt die Gemüter, vor allem die der Kirchvorsteher. Denn die Frage nach der Nutzung von 120 Hektar Grund und Boden, die im Besitz der Gemeinde sind, steht an. Derzeit sind sie an zwei landwirtschaftliche Großbetriebe verpachtet. Doch die Verträge laufen in Kürze aus. Und die Gemeinde fragt sich: Gehen die Agrarbetriebe ethisch verantwortlich mit dem Land um?

»Wir haben eine vorfristige Verlängerung der Pachtverträge abgelehnt«, sagt Petra Streicher, Vorsitzende des Kirchenvorstandes, »denn wir wollen uns Zeit lassen für die Entscheidung«. Erstmals fragt sich die Gemeinde, nach welchen Kriterien die Verpachtung ihres Landbesitzes geschehen soll. »Der Umgang mit unserem Land soll verantwortungsbewusst und nachhaltig geschehen, das sind wir unseren Nachkommen schuldig«, sagt Streicher. Konkret heißt das: Soll das Land künftig an Klein-Bauern aus der Region oder weiterhin an die Großbetriebe verpachtet werden? Von beiden Seiten wurde Interesse signalisiert, so Streicher.

Die Frage nach der richtigen Nutzung des Landes ist ein heißes Eisen. Das bekam die Gemeinde gleich beim ersten Vortrag eines eingeladenen Landwirtschaftsexperten vor wenigen Monaten zu spüren. Der Biologe und Landwirt Peter Kulle ging damals hart ins Gericht mit der modernen Intensiv-Landwirtschaft, die Raubbau an der fruchtbaren Humus-Bodenstruktur betreibe – und erntete nicht nur Zustimmung. Doch der landeskirchliche Referent für Umwelt und ländliche Entwicklung Heiko Reinhold stößt ins gleiche Horn wie Kulle: »Die Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten hat sich katastrophal auf den Boden und die Umwelt ausgewirkt.« Der extreme Einsatz von Düngemitteln sowie Monokulturen hätten zu einer dramatischen Auslaugung des Bodens geführt. »Hier geht es ganz klar um Fragen der Bewahrung der Schöpfung.« Er plädiert ebenso wie Peter Kulle für die Unterstützung ökologisch verantwortlich wirtschaftender Kleinbauern statt intensiv wirtschaftenender Großbetriebe.

Doch so klar ist das für die Kirchgemeinde ganz und gar nicht. »Wir wollen unsere landwirtschaftlichen Großbetriebe nicht pauschal verurteilen. Es muss nicht sein, dass der Kleinbetrieb besser ist«, sagt Andreas Saupe, Kirchner der Gemeinde und Berater des Kirchenvorstands in Landwirtschaftsfragen. Für Saupe sind die Zeiten der Bauernhof-Idylle vorbei. »Wenn die Verbraucher immer weniger für ihr Essen bezahlen wollen, muss es Großbetriebe mit Intensiv-Landwirtschaft und Intensiv-Tierhaltung geben«, sagt er.

Doch damit möchte sich Heiko Reinhold nicht abfinden. »Wir haben als Kirche die Möglichkeit, anders mit unserem Land umzugehen«, sagt er und verweist auf die landsuchenden Kleinbauern. »Junge Kleinbauern suchen händeringend Land, doch die Großbetriebe geben keinen Hektar ab«, so Reinhold.

Doch Hilfe für das Problem der Geithainer Kirchgemeinde naht. Das Landeskirchenamt erarbeitet derzeit eine »Handreichung über den ethischen Umgang mit Kirchenland bei der Landverpachtung«, die demnächst verfügbar sein soll. Immerhin besitzen die sächsischen Kirchgemeinden insgesamt 14 000 Hektar Land. »Es soll vermieden werden, dass es Spekulanten und internationalen Agrarkonzernen möglich wird, im großen Stil Kirchenland zu pachten, um dann zum Beispiel lediglich Stilllegungsprämien zu kassieren«, sagt Oberlandeskirchenrat Jörg Teichmann. Er verweist zudem auf den Muster-Pachtvertrag der Landeskirche, der bereits Vorgaben zur Verpachtung enthält: Gentechnik, Massentierhaltung und die Düngung mit Klärschlamm sind auf Kirchenland untersagt. Teichmann erklärt: »Wir wünschen uns, dass die Verpachtung von Kirchenland möglichst in ihren örtlichen Bezügen erfolgt und den Menschen vor Ort Nutzen und Arbeit bringt.«

Doch ob diese Wünsche in Geithain Gehör finden, bleibt offen. Denn um Antwort auf die Frage, welche Landwirtschaft Fluch oder Segen ist, wird noch kräftig gerungen.

Stefan Seidel

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