Kirchenwald im Stress

Zwischen Vergänglichkeit und Neubeginn: Kirchenförster Rüdiger Häge freut sich über junge Bäume in einem vom Tornado 2010 verwüsteten Waldstück bei Radeberg.	 (Foto: Norbert Millauer)

Zwischen Vergänglichkeit und Neubeginn: Kirchenförster Rüdiger Häge freut sich über junge Bäume in einem vom Tornado 2010 verwüsteten Waldstück bei Radeberg. (Foto: Norbert Millauer)

Erderwärmung, Stürme und Schneebruch. Auch der Kirchenwald steht vor Herausforderungen – und bietet Chancen.
 

Es wird noch dauern, bis die Wunden vernarbt sind. Auf einem eingezäunten Waldstück bei Radeberg wachsen kleine Douglasien und Buchen. Kirchenförster Rüdiger Häge freut sich, dass die 2012 gepflanzten Bäumchen schon einige Zentimeter gewachsen sind. »Es ist schön, wenn man das sieht«, sagt er. Dazwischen stecken noch immer alte Stümpfe des rund 100-jährigen Mischwaldes, der hier einst stand. Doch im Mai 2010 fegte der Pfingstmontag-Tornado über die Waldfläche der Kirchgemeinde Großröhrsdorf-Kleinröhrsdorf und riss die Bäume um. Häge spricht von einem »Totalschaden«. Nicht weit entfernt führt der Kirchenförster über Waldflächen der Kirchgemeinde Lichtenberg. Bäume stehen gekrümmt oder liegen noch umgebrochen da – die Schneebruchschäden des Winters. Viel Holz wurde bereits abtransportiert.

Es sind nur zwei Beispiele, aber 360 bis 380 Kirchgemeinden besitzen Wald auf gut 4900 Hektar. Die Fläche entspricht knapp einem Prozent der Wälder im Freistaat. Ihnen setzt der Klimawandel mit seinen gehäuften Wetterunbilden erheblich zu. Häufig sind die Waldstücke seit Jahrhunderten im Besitz der Kirchgemeinden. Sie kamen einst zum Unterhalt des Pfarrers und des Kirchengebäudes in ihren Besitz.

Rüdiger Häge, der die Kirchenwälder der Regionen Dresden und Leipzig betreut, hat deutlich mehr Arbeit durch die Wetterunbilden. Es geht um Beratung, Abtransport, Verkauf, Wiederaufforstung und Fördermittelanträge. Zudem schrumpfen im Falle von Unwetter die Erlöse, weil beschädigtes Holz weniger Geld bringt. Bürden und Chancen liegen aber nah beieinander.

Zur Kirchgemeinde Lauterbach-Oberottendorf bei Stolpen gehören 54 Hektar Wald. Dort entstand für die zwei kirchlichen Kindergärten bereits ein Waldspielplatz, wie Pfarrer Wolfram Albert berichtet. Zu Waldgottesdiensten kämen regelmäßig bis zu 500 Menschen. »Wir beziehen den Kirchenwald ganz bewusst als Teil der Gemeinde mit ein«, sagt der Pfarrer. Und: Die Gemeinde habe den Wald nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet und in der Region eine Vorreiterrolle gespielt.

Auch die Diakonie in Grimma nutzt die Kirchenwälder für ihre Arbeit. Bis zu 16 Jugendliche ohne Abschluss und festen Tagesablauf nehmen regelmäßig am Projekt Waldwerkstatt teil. Sie erledigen einfache Arbeiten und können sich für den Umgang mit der Motorsäge qualifizieren. Einfach draußen zu sein und die Jahreszeiten zu erleben, sei für viele, die zuvor meist vor dem Fernseher saßen, eine neue Erfahrung, sagt Projektleiterin Nicole Möller.

Gehäufte Wetterunbilden sorgen aber nicht nur kurzfristig für mehr Arbeit. Der Kirchenwald muss langfristig auf die Klimaerwärmung vorbereitet werden. Sachsen wandelt jährlich unter dem Schlagwort »Waldumbau« bis zu 1500 Hektar seiner vorherrschenden Fichten- und Kiefernwälder in artenreichere Mischwälder um. Diese trotzen Insektenbefall, Unwettern und der Erwärmung besser. Andere Waldbesitzer erhalten beim Wandel finanziell Förderung. Das Verhältnis von Nadel- und Laubbäumen soll sich in Sachsen von derzeit 70 zu 30 bei 60 zu 40 einpendeln. »Das gilt auch für den Kirchenwald«, sagt Rüdiger Häge.

In den kleineren Kirchenwäldern sei die Vielfalt aber schon größer als im ausgedehnten Staatswald, betont der 48-jährige Förster. Ihm zufolge werden im Kirchenwald jährlich 15 bis 20 Hektar Fläche im Sinne des Waldumbaus aufgeforstet. Bei allen Problemen sieht Häge den Kirchenwald insgesamt nicht als Last für die Gemeinden. »Im Großen und Ganzen trägt sich die Waldbewirtschaftung«, sagt er. Überschüsse – die Holzpreise sind gestiegen – können zum Beispiel zur Finanzierung von Bauarbeiten verwendet werden. Allerdings wünscht er sich noch ein stärkeres Eigentümerbewusstsein bei den waldbesitzenden Kirchgemeinden. Er stellt sich mehr Gemeindetage im Wald vor, zum Beispiel mit Müllsammel- oder Pflanzaktionen.


Marius Zippe

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