Jesus war kein Warmduscher

Lieder und Leder: Beim Motorradgottesdienst im Klosterpark Altzella fuhr auch Pfarrer Clemens-Michael Kluge (M.) mit der Honda vor. (Foto: Steffen Giersch)

Lieder und Leder: Beim Motorradgottesdienst im Klosterpark Altzella fuhr auch Pfarrer Clemens-Michael Kluge (M., li.) mit der Honda vor. (Foto: Steffen Giersch)

Männer stellen Glaubensväter und Kirchenspitzen – doch in Gemeinden machen sie sich rar. Woran liegt das? Die Kirche sucht nach Angeboten für Sinnsucher, Anpacker und Abenteurer.
 

Statt sanfter Lieder röhren Motoren: Man könnte meinen, das ist endlich mal ein Gottesdienst nach Männergeschmack. Stimmt, aber nur halb. Im Park des Klosters Altzella sitzen auf Feuerstühlen am letzten Sonntag auch Frauen und einige Kinder. So einfach ist das nicht mehr mit den Geschlechterklischees. Auch der Nossener Pfarrer Clemens-Michael Kluge, der selbst mit Honda und Lederkluft zum Gottesdienst anreist und zugleich ein Freund der traditionellen lutherischen Liturgie ist, bleibt vorsichtig: »Den Mann« gebe es ja nicht gibt, sagt er. Und beileibe nicht jeder fährt Motorrad. »Glaube ist aus meiner Erfahrung sehr individuell und vor allem durch eigene biographische Erfahrungen geprägt.« Einfach einmal bisschen an der Form des Gottesdienstes zu schrauben und dann kämen die Männer wieder – daran glaubt der Nossener Pfarrer nicht. Das könne nur Gottes Heiliger Geist. Aber manchmal nutzt er vielleicht auch Motorräder.

Die Zahlen sprechen über die Männer jedenfalls eine nüchterne Sprache: Sie stellen zwar den Bischof, fast alle Oberlandeskirchenräte und 77 Prozent der Pfarrer in Sachsen – doch der Anteil der Männer unter den Ehrenamtlichen in der Landeskirche stagniert bei einem Drittel. Selbst in den lange männlich dominierten Kirchenvorständen steigt der Anteil der Frauen stetig auf jetzt 44 Prozent, so das Landeskirchenamt. Und in den Gottesdiensten ist meist auch nur höchstens jeder Dritte ein Mann, schätzt der Geschäftsführer der evangelischen Männerarbeit in Sachsen Thomas Lieberwirth. Weniger Männer als Frauen gehören einer Kirche an, weniger Männer als Frauen bezeichnen sich als gläubig, zeigte eine Studie der evangelischen und katholischen Männerarbeit. Jedoch nähern sich beide Geschlechter einander an – auf sinkendem Niveau.

»Der Gottesdienst packt Männer nicht«, sagt Thomas Lieberwirth von der evangelischen Männerarbeit. »Man kann in ihm nur passiv sein – was soll ich mitmachen, wenn Singen nicht mein Ding ist? Und dann noch die salbungsvolle Sprache. Unsere Kirche ist oft wie eine sentimentale Puppenstube – dabei geht es doch ums Eingemachte.« Die Seite Jesu als Mann, der mit Verve die Händler aus dem Tempel warf, sei in der Kirche leider untergegangen, meint Thomas Lieberwirth.

Vielleicht ist das auch kein Wunder: Mütter spielen die größte Rolle bei der Vermittlung des Glaubens in der Kindheit – Väter, Großväter, Pfarrer und Lehrer folgen erst mit großem Abstand, zeigte die Studie der kirchlichen Männerarbeit. Und auch dies: Die Kirche werde Männern nicht gerecht, fanden besonders viele männliche Befragte, sie nehme ihre soziale Verantwortung nicht wahr – und biete zu wenig fürs Gefühl und das religiöse Empfinden. Nichts da mit dem Klischee von den groben, für die Zartheit des Mitleids oder Glaubens unempfänglichen Männern. Sie suchen danach – nur anders.

Die evangelische Kirche sucht in den letzten Jahren verstärkt auch nach den Männern. Und hier und da wachsen Angebote für sie: Abenteuerfreizeiten für Väter und Kinder, Baugruppen für die Anpacker, Pilgerwege für die gestressten Sinnsucher, Männerfrühstücke für Männergespräche. In Dresden trifft sich ein christlicher Männerstammtisch in einer Kneipe. In der Pockauer Strobel-Mühle des CVJM treffen sich »Männer im Glashaus« regelmäßig zu Gesprächen.

Und jedes Jahr gibt es im Oktober den Männersonntag in der evangelischen Kirche. Thomas Lieberwirth wird diesen Gottesdienst am 20. Oktober im Löbauer Lokschuppen der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde feiern. Auf der Rüstzeit schrauben Männer, werkeln, reparieren. So mancher auch an seiner Beziehung zu Gott.

Andreas Roth

Mehr zum Thema in DER SONNTAG 36-2013, auf Seite 3.

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