Sorgenwerfen will gelernt sein


All eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.
1. Petrus, 5, Vers 7

Bettine Reichelt ist Schriftstellerin und Pfarrerin in Leipzig.

Bettine Reichelt ist Schriftstellerin und Pfarrerin in Leipzig.

Sorgenwerfen ist eine interessante Sportart. Viele haben gelernt: Man muss mit seinen Problemen allein fertig werden. Darüber zu reden, oder gar die Sorgen abzugeben, loszulassen, ist eher peinlich. Wer will sich schon ständig das Gejammer der anderen anhören?! Und wer will schon öffentlich oder nur im familiären Rahmen Schwäche zeigen?

Sorgenwerfen ist eine spezielle Sportart. Ich kann sie nur trainieren, wenn ich einen Raum des Vertrauens erlebe. Wenn Menschen auf mich zukommen – oder ich auf sie zugehe – und sich zwischen uns weder ein Konkurrenz- noch ein Machtgefälle auftut. Dann kann ich den Rucksack der Sorgen ablegen – und manchmal vielleicht sogar abwerfen.

Sorgenwerfen hat mit Jammern nicht viel gemeinsam. Es gibt ein Ziel. Ich bade mich nicht in meinem Schmerz. Ich will etwas ändern. Ich will meine Sorgen wirklich loswerden. Insofern bedarf es eines intensiven Trainings. Was geschieht mir eigentlich, wenn ich tatsächlich und wirklich einmal keine Sorgen hätte?

Sorgenwerfen gehört zu den heitersten Sportarten der Welt. Wer das könnte! So leicht und fröhlich die Sorgen herumwerfen wie jemand, der mit Bällen jongliert. Ein Spiel. Ein seltenes und weit weniger ernsthaftes als Kugelstoßen. Plötzlich wäre all das geradezu leicht, was mich sonst zu Boden drückt. Vielleicht spiegelt sich beim Wurf in den Sorgen der Himmel ganz neu. Was man da alles entdecken könnte …

Sorgenwerfen braucht einen guten Fänger. Einen, der bereit ist zu fangen. Einen, den meine Wurfgeschosse nicht umwerfen, der festen Stand hat. Ein Sorgenfänger muss manches aushalten können.

Der Petrusbrief erzählt von einem speziellen Fänger. Er lässt sich nicht nur mit Sorgen bewerfen und hält sie ab. Aus dem Sorgenfänger wird ein Für-Sorger. Was für ein ermutigender Wandel – auch für mich.

Bettine Reichelt

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]