Gläubige Narrheit ist die sicherste Wahrheit

© Colin Brough

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. 2. Timotheus 1,10

Was für eine Behauptung: Dem Tod die Macht genommen. Fakt ist doch: Der Tod freut sich derzeit weltweit allerbester Arbeitsbedingungen. Und er hat seinen Schrecken keinesfalls verloren. In den Ländern, in denen Krieg und Armut herrscht, ohnehin nicht. Aber auch hier bei uns nicht.

Die Angst vor dem Sterben und vor dem, was dann kommt, ist kaum kleiner geworden, eher im Gegenteil. Der Tod ist Realität. Und es wäre naiv, dies zu verniedlichen. Der Tod bleibt.

Und doch: Es gehört zu den christlichen Überzeugungen, dass diese Realität nicht die letzte ist. Jesus selbst war von dem wachsenden Einfluss des ganz anderen zutiefst überzeugt. Immer neue Bilder findet er für dieses andere Sein: ein Festmahl, ein wachsender Baum, ein Vater, der auffängt, wenn alles verloren scheint.

Jeder Mensch wird sich irgendwann in seinem Leben mit dem konkreten Schmerz des Todes auseinander setzen müssen. Und zugleich bleibt der Einspruch der biblischen Zeugen: Diese Macht ist nicht das letzte, was über das Leben zu sagen wäre. Es gibt manches, was in einem ganz anderen Licht aufscheinen kann. Es ist ans Licht gebracht.

In der langen, schweren Zeit seiner Erkrankung, an der er 1964 starb, schrieb der Schauspieler Ernst Ginsberg für eines seiner Enkel ein Gedicht, das für mich zu den bewegendsten Zeugnissen dieser Hoffnung gehört:

Zur Nacht hat ein Sturm alle Bäume entlaubt,
sieh sie an, die knöchernen Besen.
Ein Narr, wer bei diesem Anblick glaubt,
es wäre je Sommer gewesen.

Und ein größerer Narr, wer träumt und sinnt,
es könnt je wieder Sommer werden.
Doch grad diese gläubige Narrheit, Kind,
ist die sicherste Wahrheit auf Erden.


Bettine Reichelt

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