Ich habe einen Traum

so-37

Der berühmt gewordene Traum Martin Luther Kings vor 50 Jahren lässt fragen: Welche Bedeutung haben die Träume – sind sie Schäume oder Gotteszeichen?
 

Als Martin Luther King vor 50 Jahren öffentlich von Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen träumte, veränderte das die Welt. Etwas kam in Gang, vieles bewegte sich. Heute sind die schlimmsten Trennungen zwischen Schwarz und Weiß überwunden. Ein Traum wurde Wirklichkeit.

Und doch wird den Träumen heute oftmals wenig Wert beigemessen. Fast noch stärker als Martin Luther Kings »I Have a Dream«-Rede wirken heute die Worte des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.«

Träume sind verdächtig, weil sie die sichtbare Wirklichkeit übersteigen, weil sie oft aus wirren Bildwelten bestehen, die schnell wieder verfliegen. Deshalb ist für viele Menschen klar: Träume sind Schäume.

Doch da ist noch die Bibel, die voller Träumer ist. Da ist Jakob, der auf der Flucht vor seinem Bruder angstvoll in den Schlaf sinkt und im Traum den Himmel offen sieht. Und da ist der große Träumer Joseph, der den Träumen vertraut und durch sie seinen Weg findet.

»Die Träume sind die Sprache der inneren Wirklichkeit, man kann sie auch die Sprache Gottes nennen«, sagt die Theologin und Psychotherapeutin Maria Riebl, Autorin des Buches »Symbolkraft der Träume«. Träume seien vor allem in Krisenzeiten eine große Kraftquelle. Sie selbst durfte das erfahren. Als sie vor einiger Zeit erfuhr, dass sie an Krebs erkrankt ist, träumte sie des Nachts diesen Traum: Ihre Garageneinfahrt ist blockiert, viele Autos versperren die Ausfahrt. Doch sie fährt mit ihrem Auto ganz elegant um die Autos herum hinaus ins Freie. »Dieser Traum hat mich ungeheuer bereichert, weil er mir die inneren Kräfte zutraut, mit der Blockade der Erkrankung umzugehen«, erzählt Riebl.

Auch mit ihren Patienten versucht Riebl einen Zugang zu den Träumen zu finden. Anhand eines Stichwortes oder eines Bildes aus einem Traum versucht sie, der Botschaft der Träume auf die Spur zu kommen. Riebl ist sich sicher: Die Symbole und Bilder eines Traums können das Leben in neuem Licht erscheinen lassen.

Die Schweizer Traumforscherin und Psychologieprofessorin Verena Kast drückt das so aus: »Träume sind der Begleitkommentar unseres Unbewussten zu unserem Alltag, der gelegentlich Entwicklungen sichtbar macht.« Auch würden alte Ängste und Konflikte in den Träumen bearbeitet werden. »Träume verträumen unsere Emotionen, verarbeiten Erfahrungen, oft mit einem Blick nach vorn«, so Kast. Insofern gelte die Grunderkenntnis Sigmund Freuds noch heute: Träume sind der Königsweg zum Unbewussten und können die Seele heilen. Allerdings gibt es auch nicht wenige moderne Psychologen, für die Träume lediglich Hirnfunktionen ohne tiefere Bedeutung sind.

Ob Träume eine Wahrheit für den einzelnen Menschen enthalten, dürfte jedoch nicht am Hirnstrom-Messgerät entschieden werden. Maria Riebl jedenfalls möchte sich ein Leben ohne ihre Träume nicht ausmalen. In den Träumen erfährt sie das, was die Bibel Gnade nennt: »Ich mache die Träume nicht, sie werden mir geschenkt, da stoße ich an die Grenzen meines Machens und Denkens und darf eine Erfahrung machen, die auf mich zukommt.«

Das Traumbild von der Garagenausfahrt ist für sie solch ein Geschenk. Es erschien ihr seit jener Nacht immer wieder. »In schweren Zeiten taucht der Traum wieder auf und sagt: Dort ist der Weg ins Freie und Weite, du kannst ihn gehen, du schaffst das.« In solchen Momenten fühlt sie sich wie der biblische Jakob auf seiner Flucht, der von der Himmelsleiter träumt. Gangbare Wege bahnen sich oft in den Träumen an. Und das hat für sie ganz viel mit Gottes Wirken zu tun.

Stefan Seidel

Mehr zum Thema in DER SONNTAG 36/2013, Seite 3.

Den ganzen Beitrag lesen auf: ⇒ DER SONNTAG [Sachsen]